Arne Dahl: Neid

verfasst am 04.03.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Dahl, Arne, Thriller

Der dritte Einsatz für die OPCOP-Gruppe unter ihrem Leiter Paul Hjelm. Mysteriös, undurchsichtig, international. So viel lässt sich bald erkennen, doch worum es ganz genau geht, das belässt Arne Dahl lange Zeit im Verborgenen.

Zuerst das – man könnte es Vorspiel nennen. Eine zentrale Gruppe der europäischen Menschenhandel-Mafia wird beschattet; ein Wissenschaftler aus Schweden fühlt sich von einem Journalisten verfolgt; ein blinder Gitarrenspieler wird wie eine Schachfigur hin- und her geschoben; eine EU-Kommissarin, die die Ankündigung großer Umwälzungen vorbereitet, wird von Unbekannten unter Druck gesetzt; auf einer Autobahn in Deutschland verursacht ein explodierender Tanklaster ein Inferno.

Diese „Einleitungen“ versprechen es schon: hier geht es nicht um ein paar Kleinigkeiten, hier bahnt sich etwas an, das das ganze Können und alle Ressourcen der europäischen Polizei erfordert. OPCOP wurde zwar genau dafür ins Leben gerufen, doch selbst die besten Polizistinnen und Polizisten Europas stoßen manchmal an ihre Grenzen.

Der Roman handelt zuallererst von den Mitgliedern der OPCOP-Gruppe selbst. Sie stehen im Mittelpunkt der Handlung, alles dreht sich um sie, um ihr Leben und darum, wie sie an die Ermittlungen heran gehen. Obwohl die Gruppe wahrlich nicht klein ist und ich regelmäßig das Gefühl hatte, es wäre gerade jemand neu dazu gekommen, werden die Polizistinnen und Polizisten immer vertrauter. Arne Dahl stattet sie alle mit ganz eigener Persönlichkeit aus, lässt sie sich zusammenraufen und lässt uns nicht nur an der Polizeiarbeit sondern auch an den Problemen, die innerhalb einer solchen Gruppe von Individualisten zutage treten, teilhaben.

An zweiter Stelle stehen tiefe Einblicke in das europa- und weltweite Netzwerk aus Mafia und Politik (vornehmlich mit Vertretern der weit rechts stehen Seite des politischen Spektrums). Wie Menschenhandel, Sklaverei und Zwangsprostitution auf dem Kontinent organisiert sind und wie die Verbrecherorganisationen tief in unsere Gesellschaft verankert sind; und wie dabei die Rechtsaussen-Gruppierungen wie Front National in Frankreich, Goldene Morgenröte in Griechenland, Partij voor de Vrijheid in Holland oder Jobbik in Ungarn längst unsichtbare Verbindungen untereinander geknüpft haben (der Österreich-Ableger dieser „Parteien“ hat es aber nicht ins Buch geschafft – hoffentlich ist deren Parteiführer nicht allzu gekränkt)

Und zuletzt berichtet der Roman darüber, wie Machtstrukturen alles daran setzen, ihre Pfründe und Einflussbereiche zu erhalten und sich gegen jegliche Neuerung stemmen. Wie die Strukturen der EU nur zum Teil zum Wohl aller Bürger Europas eingesetzt werden, zum großen Teil aber auch zur Protegierung einzelner missbraucht werden (Wobei mir dazu einfällt, dass es im US-Kongress genauso zugeht, nur gelangt dort mehr davon an die Öffentlichkeit; ausser bei dem Fall dieses Ausnahme … egal, was auch immer, … Ernst Strasser).

Nach zögerlichem Beginn wird daraus wird eine spannende, dichte Story. Insgesamt viel weniger Action, als man es von Arne Dahl gewohnt ist, dafür aber umso mehr Einblicke in die Arbeit der Polizei. Alles wirkt ausserordentlich fundiert, so als würde es sich um die Schilderung eines realen Falles und realer Einsätze handeln.

In der zweiten Hälfte wird das Buch zum Thriller und wahren Pageturner: die vielen Spuren führen zu immer neuen Verbindungen; je mehr man liest, desto weniger kann man sich davon los reißen und desto ungeduldiger wartet man auf den Ausgang. 

Spannung pur und für mich der bislang beste Roman mit der OPCOP-Gruppe!

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Eines muss ich unbedingt anmerken/hervorheben:
Den realen Hintergrund der fiktiven Handlung!

Arne Dahl, der mit jedem seiner Bücher europaweit enorm viele Menschen erreicht, nutzt diese Position, um einige der aktuellen und drängenden Probleme Europas in das Bewusstsein seiner Leserschaft zu bringen.

Da ist die immer weiter um sich greifende Macht der Mafia und ähnlicher Verbrecherorganisationen, die mehr und mehr Bereiche unserer Gesellschaft unterminieren.

Und die ganz allgemeine Gefahr für unsere demokratische Welt: die in praktisch allen Staaten immer stärker werdenden nationalistischen und faschistischen Bewegungen ziehen tagtäglich mehr gedankenlose Gefolgsleute an. So als ob es die beiden Weltkriege, beide Folge solcher Bewegegungen, niemals gegeben hätte.

Das dritte Problem ist auch das Hauptthema dieses Romanes. Es ist zugleich das Thema, das uns allen, nach den Ereignissen nach der Bankenkrise seit 2008, allzu vertraut ist: dass nämlich mit der Macht des Geldes viel zu oft (immer öfter und skrupelloser) das Falsche durchgesetzt wird.

Alles das (und noch einiges mehr) fasst Arne Dahl am Ende in einem sehr politischen und eindringlichen Statement zusammen.


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