Buchbesprechung/Rezension:

Arne Dahl: Stummer Schrei
Eva Nyman ermittelt (1)

Stummer Schrei
verfasst am 01.02.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Dahl, Arne
Genre: Kriminalromane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Wenn aus einer Neigung eine Vorliebe wird, daraus Leidenschaft, dann eine Obsession und am Ende Extremismus. Beschreibt das den Werdegang des Menschen, der jetzt Schweden mit Bombenanschlägen schockiert, der so seinen Zorn und seine Verachtung zeigt?

Briefe, die direkt an die Kriminalhauptkommissarin Eva Nyman adressiert sind, kündigen weitere Anschläge an, die mit einer Schreibmaschine geschriebenen Zeilen geben dem Team Rätsel über die nächsten Ziele auf. Der Text ist wirr, vielleicht ein auf Abwege geratener Klimaaktivisten, ein Fanatiker, der mit wilden Thesen über Rache und Sünde um sich wirft. Und letztendlich steht in den Texten auch das, was sie schon bald Frisell denken lässt. Denn Nyman findet Formulierungen, die ihr ehemaliger Boss früher oft verwendete.

Lukas Frisell hatte vor Jahren die Polizei verlassen, weil er mit den immer technischer werdenden Ermittlungsmethoden nichts anfangen konnte, diese sogar als Irrweg der Moderne rundweg ablehnte. Eine Abneigung, mit der er letztendlich Schuld am Tod eines Entführungsopfers war, als er es ablehnte, ein Mobiltelefon orten zu lassen.

Frisell hielt später Vorträge über das Überleben in der Natur, wurde zum Einsiedler, lebte die zurückliegenden Jahre alleine in seiner Hütte im Wald, mit nur sehr gelegentlichen Kontakten zu Zivilisation. Jetzt finden sich Spuren an einem Tatort, die ihn mit dem Anschlag in Verbindung bringen.

Eva Nyman leitet die nach den ersten beiden Bombenanschlägen gebildete Sonderkommission und beauftragt ihre Kollegin und Freundin Sonja Ryd, zunächst einmal unauffällig dieser Spur nachzugehen.

Zuerst sind die Opfer der Anschläge Vertreter jener Branchen und Unternehmen, die am Klimawandel beteiligt sind und, wie in den Briefen zu lesen ist, eine Schuld am Untergang mittragen: ein Manager eines Stahlwerkes, das als eines der größten Umweltsünder des Landes gibt; der Angestellte einer Werbeagentur, die im Auftrag eines Ölunternehmens arbeitet.  Als es dann einen Anschlag gibt, dem auch rein zufällig anwesende Menschen zum Opfer fallen, wird die Affäre zu Staatsaffäre.

Ein Wettlauf beginnt, der von der Polizei oft genug verloren wird und der dabei jedes Mal Menschenleben kostet.

Als Frisell endlich gefunden wird, verdichten sich zunächst die Hinweise, dass er tatsächlich mit den Anschlägen zu tun hat, oder dass er zumindest etwas darüber weiß. Doch Frisell kennt sich mit den Methoden der Polizei aus, das machte es selbst für die beste Verhörspezialistin des Teams zu einer beinahe unlösbaren Aufgabe, ihm Informationen zu entlocken.

Es gibt nicht nur einen Höhepunkt, auf den alles hinsteuert. Es sind immer wieder kleine dramatische Szenen, aus den Arne Dahl sehr routiniert spannungsgeladene Ereignisse macht. Er schneidet hin und her zwischen den Schauplätzen, baut kleine Cliffhanger ein. Das Knacken eines Astes bei einer Verfolgung, der Rucksack, der auf einem U-Bahn-Bahnsteig abgestellt wurde, der alte Mann, der das Team anscheinend mit einem Gewehr bedroht, eine Kamera, über die das Team beobachtet wird. Immer wieder kurze dramatische Szenen, auf deren Aufklärung man ein paar Seiten lang warten muss.

Arne Dahl versteht es, und das hat er in unzähligen Thriller immer wieder bewiesen, einem Roman von Anfang an die Spannung mitzugeben, die die Leserinnen und Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Sehr schnörkellos nimmt die Handlung nur eine einzige Richtung, nämlich die geradeaus zum Finale und dabei steigert sich das Tempo kontinuierlich. Unterbrochen ist das nur von eben jenen Zwischen-Höhenpunkten und davon, dass das, was einem im Verlauf der Story vorgesetzt wird, natürlich nicht automatisch die richtige Spur sein muss.

Außerordentlich stark ist die Charakterisierung von Nyman, Frisell und den Teammitgliedern. Dieser Thriller ist der Auftakt zu einer neuen Reihe und gibt eben auch Raum, die handelnden Person sehr detailliert zu beschreiben, ihnen Eigenschaften zuzuordnen. Das verdichtet noch zusätzlich die Story, weil man mit dem Wissen um die unterschiedlichen Beweggründe, um die individuellen Stärken und Schwächen, mit denen sich die Protagonisten engagieren, als Leserin und Leser das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven verfolgen kann.

Alles endet in einem rasanten Finale; weil es aber eben der Auftakt zu einer Buchreihe ist, weiß man zum Schluss: genau diese Geschichte geht weiter, gerade erst beginnt ein weiteres Kapitel …




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