Karen Russell: Vampire im Zitronenhain

verfasst am 05.02.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kurzgeschichten, Russel, Karen

Karen Russel lässt ihrer Fantasie einfach freien Lauf. So vieles, das in unserer wirklichen Welt geschieht, lässt sich in Gedanken weiter träumen, verdrehen, erweitern, umdeuten. Das passiert wahrscheinlich uns allen, mehr oder weniger oft. Wie bezaubernd und überraschend es sein kann, wenn jemand dann diese Gedanken, Idee und Fantasien nicht nur denkt sondern auch aufschreibt, das lässt sich in diesen Erzählungen nachzulesen.

Auch Vampire habe Ängste und Nöte. In „Vampire im Zitronenhain“ erkennt ein Vampir zuerst, dass die Schauergeschichten, die die Menschen über Seinesgleichen erzählen, nicht so ganz der Realität entsprechen. Doch was ist das für ein Leben als Vampir, wenn man sich nicht so verhält, wie die Menschen es erwarten?

In der nächsten Geschichte übernimmt eine Möwe die Rolle der diebischen Elster und mischt sich damit in das Leben der Menschen ein.

Nachweis“ erzählt von der Zeit, als Pioniere den Westen Amerikas besiedelten; und von Aberglauben und Entbehrung.

Rutherford B. Hayes? Nie gehört? Also bitte: das war von 1877-1881 der 19. Präsident der Vereinigten Staaten. Was mit ihm wirklich geschah (und nicht nur mit ihm), das steht in „Der Stall am Ende unserer Amtszeit„.

Diese und die anderen Erzählungen in diesem Buch lassen sich nur schwer in Genre-Schubladen einordnen. Sie habe allesamt etwas mystisches an sich, verbinden Fantasy mit Alltagsgeschichten (welcher Vampir zB. sitzt vor Dominosteinen und schlürft Zitronensaft). Dann wieder spielt eine Geschichte mit den Horror-Genre oder nimmt Anleihen an den Psycho-Thrillern. Bunt gemischt, dabei immer ein klein wenig unheimlich.

Dieses Zusammenführen über Genregrenzen hinweg gelingt spielerisch leicht, sodass man nichts davon in Frage stellen wird, es geht doch nur um die Freude am Ausdenken und Formulieren.

Karen Russel spielt nicht nur mit Ihrer Fantasie, sie spielt auch mit unserer Verwirrung. Ob dieses oder jenes nun ernst gemeint sei, ob es ein Seitenhieb auf die Wirklichkeit ist, ein Rätsel, das man erst noch lösen muss oder einfach nur Humor. Die meisten der Geschichten könnten dabei auch als Drehbuchvorlage für eine Folge von „Twilight Zone“ dienen.

Beim Lesen wird auch gleich für die Auslastung der Gesichtsmuskeln gesorgt, die zwischen Schmunzeln, Stirn runzeln, Augenbrauen hochziehen, etc. einiges leisten müssen.

So ganz eindeutig lässt sich wohl nicht bestimmen, wie die Autorin es meint, bzw. wird jede/r LeserIn dieses oder jenes anders sehen. Genau das aber macht einen ganz großen Teil des Lesevergnügens aus, das diese Sammlung von Kurzgeschichten verschafft. Nicht immer gleich vergnüglich, aber immer aussergewöhnlich.



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