Buchbesprechung/Rezension:

Stephen Crane: Die tristen Tage von Coney Island
Geschichten


verfasst am 15.09.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Crane, Stephen, Kurzgeschichten
LiteraturBlog Bewertung:

Stephen Crane ist einer der großen, aber bei uns auch weitgehend unbekannten US-amerikanischen Schriftsteller. Crane wurde nur 28 Jahre alt, dennoch hinterließ er ein umfangreiches Werk an Romanen, Erzählungen und Reportagen, darunter auch den grandiosen Bürgerkriegsroman „Die rote Tapferkeitsmedaille“, neu aufgelegt im Pendragon-Verlag im Jahr 2020. Nun legt der Verlag nach und veröffentlicht eine Kurzgeschichtensammlung,

Die Geschichten entstanden in den Jahren 1894 bis 1900.

Mit ungemein klarem Blick auf die Details von ganz unterschiedlichen Situationen und Lebenslagen erzählt Stephen Crane über die Jahre am Ende des 19. Jahrhunderts. Was dabei für die allen Geschichten gemeinsame Spannung sorgt ist, das ist die Beschreibung des Überganges von der alten Zeit zur Moderne. Als in den Vereinigten Staaten der Wilde Westen und der aufstrebende Kapitalismus mit seiner Industrialisierung  nebeneinander  existierten. Alles findet sich hier, über alles lässt sich etwas erzählen: Arm und Reich, hoffnungsfroh und verzagt, fröhlich und betrübt. Nicht zu überlesen sind auch die oftmals eingewobenen ironischen, Betrachtungen der Eigenarten von Cranes Zeitgenossen.

Einige der insgesamt 13 Kurzgeschichten möchte ich – nach meiner sehr subjektiven Bewertung – hervorheben:

  • Gefesselt:
    Man stelle sich diese Situation vor: oben auf der Theaterbühne steht der Held, fest gefesselt in Ketten – echte Ketten – als mit einem Mal ein Feuer ausbricht. Die anderen Schauspieler fliehen von der Bühne, das Publikum flüchtet aus dem Zuschauerraum – nur an den Gefesselten denkt im Chaos niemand.
  • Die Braut kommt nach Yellow Sky:
    Zuerst ist der frisch getraute Ehemann gänzlich überwältigt vom Glück. Je näher aber der Zug seiner Heimatstadt Yellow Sky kommt, desto unsicherer wird er und macht sich zunehmend mehr Sorgen darüber, wie es seine Mitbürger aufnehmen, dass er mit einem Mal mit seiner Frau auftauchen wird. Am Ende aber ist es genau diese Ehe, die ihm das Leben rettet.
  • Eine Geschichte aus dem Krieg:
    Als der Leutnant an der Hand verwundet wird, sucht er das Lazarett. Erst nun, als er sich von der Frontlinie, dem Pulverdampf und dem Lärm der Gefechte entfernt, kann er überblicken, was in einer solchen Schlacht wirklich geschieht.
  • Männer im Sturm:
    Man spürt förmlich, wie die spitzen Schneekristalle, angetrieben vom Wind, ins Gesicht treffen, man fühlt förmlich die Kälte. Nicht alle können sich vor dieser Gewalt der Natur schützen.
  • Das blaue Hotel:
    In der Ortschaft Romper in Nebraska: In Patrick Scully Hotel versammelt sich eine kleine Gruppe Reisender. Während draußen der Winter mit Schnee und Kälte regiert, vertreiben sich die Männer, gemeinsam mit Scullys Sohn Johnnie die Zeit mit Kartenspiel. Das hitzige Spiel mündet unversehens in einer Konfrontation, als einer der Gäste, der Schwede, Johnnie des Falschspieles beschuldigt.  Völlig grundlos, oder ist doch etwas Wahres daran? Eine Geschichte darüber, wie das Verhalten des einen oft zu ungeahnten Reaktionen und zu dramatischen Auswirkungen führen kann.
  • Das Feuer:
    Ein Haus brennt. Wie sich Angst, Panik ausbreiten, wie Neugierde und Sensationslust die Menschen anzieht, wie sich das Feuer dieser Aufmerksamkeit bewusst zu sein scheint und immer wilder lodert. Wie die Feuerwehrleute die Herausforderung annehmen, das Feuer –  den Feind – zu bekämpfen.
  • Aus der Sammlung sticht Aus der See hervor: Dies ist der Bericht Cranes vom Untergang der Commodore, als er sich selbst an Bord befand und zum Schiffbrüchigen wurde. Ein Beispiel für seine Arbeit als Journalist – er schrieb darüber diese Reportage, wie man sie in ihrer Dichte und Eindrücklichkeit in unserer Zeit nicht mehr geliefert bekommen würde.
  • Das offene Boot:
    die dramatische Aufarbeitung der Ereignisse, die sich nach dem Untergang der Commodore zutrugen, als Crane mit drei weiteren Männern in einem kleinen Boot dreißig Stunden lang auf dem Meer trieb. Der Koch, der Kapitän, der Heizer und der Korrespondent gefangen auf einem 10 Fuß (ca. 3 m) langen Dinghi.

Lesen muss sie aber natürlich alle, von jeder einzelnen wird man überrascht und gefesselt sein.
Allesamt meisterhafte Erzählungen voller Witz und Tiefgang, Dramatik und Abenteuer.

PS: Für Ernest Hemingway gehörten Crane und dessen Geschichten zum Olymp der amerikanischen Literatur – und Hemingways Begeisterung lässt sich durchaus nachvollziehen.




Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top