John Cheever: Ach, dieses Paradies

verfasst am 12.02.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Cheever, John, Romane

Ach, dieses ParadiesIm ersten Abschnitt entstand für mich das Bild einer Szene, wie aus einem kurzen Film: Kameraschwenk über eine traumhaft schöne Landschaft, Menschen genießen die Natur (fröhliche Musik). Dann: Stopp, kurz wackelt das Bild (der Sound hört sich an, als ob etwas reißt) – und dann ist da anstatt des Sees, der Menschen, der Natur nur noch aufgetürmter Müll.

Lemuel Sears ergeht es wohl so ähnlich, als er an den See kommt, auf dem er ihm Winter Schlittschuh läuft. Anstatt des beschaulichen Teiches mit dem Namen Beasley-Pond findet er ein Müllhalde vor, Berge achtlos hingeworfener Exkemente der Zivilisation.

Sears findet sich mit diesem Angriff auf sein Stück Natur nicht ab und beauftragt seinen Anwalt, die Hintergründe zu ermitteln. Noch weiß er nicht, dass hinter dem Treiben die Mafia steckt und ihr Bestechungsgeld, was fatale Folgen haben wird.

Ein ÖKO-Thriller wird damit aus diesem Roman jedoch nicht. Vielmehr sind die verwirrenden und verworrenen Lebenswege das hauptsächliche Thema.

Sears, der zweifach verwitete, hat die Grenze vom „Besten Alter“ zum „Gesetzten Alter“ schon überschritten, was sich in einem gewissermaßen überschäumenden Sexualtrieb äußert. Mit der schönen aber undurchsichtigen Renèe pflegt er bald eine heftige Affäre. Während er meint, es wäre die große Liebe, erklärt sie ihm bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, dass er von Frauen rein gar nichts verstehe. Verstörend für ihn selbst ist dann eine Affäre mit einem Fahrstuhlführer (verheiratet, 2 Kinder).

Oder wie wäre es mit Sam Salazzo, einem kleinen Rädchen in der großen Mafia-Familie, der die Mülldeponie im See als Kassier beaufsichtigt. Und Betsy, seine Nachbarin, die Sam und seine Familie immer schon zutiefst verabscheute. Richtig in Hass  schlägt es um, als Sam vor ihren Augen seinen Hund im Garten seines Hauses erschießt. Hätte er das nur nicht getan, denn Betsy unternimmt jetzt alles, um ihren Nachbarn zu schaden; dazu wird auch gehören, die ganze illegale Aktion rund um den See zu beenden.

Auch einige Nebendarsteller sind mit dabei: Sears‘ Anwalt, der während seiner Nachforschungen ermordet wird; Sam Salazzo’s Ehefrau Maria, die alleine durch ihre Borniertheit und Dummheit zusätzlich dafür sorgt, dass die ganze Mafia-Aktion auffliegt. Dr. Palmer, der homosexuelle Psychiater, den Sears aufsucht um sein eigenes homosexuelles Erlebnis zu verarbeiten; oder wenigstens zu erklären. Gallia, die Prophetin im Vulkan, die aus einer altgriechischen Sage entsprungen scheint. Horace Chisholm, der von Sears beauftragte Umweltexperte, der ein Baby findet und um Beasleys Pond kämpft.

Eine grosteske, absurde, komische, ironische, satirische, kuriose, wundersame, manchmal beinahe slapstickhafte Mischung aus Charakteren und Ereignissen lässt Cheever zusammen kommen.

Im Zentrum steht die ganz spezielle Collage der Lebenswege, die hin und wieder einander kreuzen, dann in eine gemeinsame Richtung, dann wieder in völlig unterschiedliche führen.

Der verschmutzte See spielt zunächst nur eine untergeordnete Rolle, liefert aber den Aufhänger für dieses Buch. Dann, gegen Ende der Erzählung, rückte seine andauernde Zerstörung das Thema Umweltverschmutzung immer mehr in den Mittelpunkt; zu einer Zeit (zur Erinnerung: dieses Buch wurde 1982 geschrieben), als dieses Thema noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen war.

Spannend fand ich auch, wie Cheever darüber schreibt, dass – ja, die gab es damals auch  – die Betonköpfe schon ähnlichen Argumenten daher kamen, wie man sie vor wenigen Jahren in der Ära Bush/Cheney/Rumsfeld hören musste. Dass nämlich der Patriotismus und die Legitimation derjenigen bezweifelt wird, die sich für die Umwelt oder gegen rücksichtsloses Wirtschaften einsetzen.

Es ist der letzte Roman, der vor Cheevers Tod im Jahr 1982 erschien. Durch seine Krebserkrankung hatte seinen Tod schon vor Augen als er diese kurze Geschichte schrieb. Mir erscheint sie voll von Wehmut und Abschied, so als wüsste er beim Schreiben mit absoluter Sicherheit, es würde sein letzes Werk sein. Nur ein Gefühl, das sich beim Lesen einstellte, nicht durch den Inhalt hervor gerufen sondern einfach weil dieses Buch trotz all der Verstrickungen so leise ist;  wie ein Abgesang auf Vergangenes und Vergängliches.

In diesem kleinen Buch habe ich viele Sätze gelesen, die mir bisher in einer solchen oder ähnlichen Form nicht untergekommen sind. nur ein Beispiel: (S.21) „Ihm fiel auf, der sich der Bürotrakt [..] durch eine gewisse Niedrigkeit auszeichnete.“ Mehrfach las ich einen (Ab)Satz nochmals, einfach nur um ihn besser hören zu können oder um seine Absurdität wirklich zu verstehen.

PS: völlig überflüssig: die verwirrte Wortschwurbelei von Peter Handke, die dieses Buch als Nachwort verschandelt.


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