John Cheever : Willkommen in Falconer

verfasst am 29.09.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Cheever, John, Romane

Falconer ist ein Gefängnis. Und schon im Titel der deutschsprachigen Ausgabe des Romans „Willkommen in Falconer“ schwingt eine ganze Menge über den Inhalt mit: ein wenig Traurigkeit, ein wenig Ironie, ein wenig Rückblick und ein wenig Neuanfang. Falconer, das ist Endpunkt und Startpunkt zugleich.

Es klingt vielleicht wie nach dem Beginn eines Ferienaufenthaltes: „Willkommen“, so als ob man es sich hatte aussuchen können. Ezekiel Farragut konnte es sich nicht aussuchen: für den Mord an seinem Bruder wandert er für viele Jahre hinter Gitter. Landet inmitten von Verbrechen und Verbrechern aller Art. Für Ezekiel ist der Gang durch das Eingangsportal von Falconer der erste Schritt in eine neue Welt. Aus der alten hat er seine Drogensucht und seine Erinnerungen mitgebracht.

Der Reihe nach: aus dem Vietnamkrieg kam Farragut als einer von tausenden GIs zurück, die dort in die Drogensucht rutschten. In der Heimat wurde es nicht besser, es wurde schlechter, die Drogen härter. Was dann in der Folge über allerlei Probleme zu jener verhängnisvollen Begegnung mit seinem Bruder führte.

Zeit genug hat er nun in Falconer, um sich mit den zurückliegenden Jahren zu beschäftigen. Seine Rückblicke vermischen sich mit seinen Erfahrung bei Zusammenkünften mit anderen Insassen im Zellenblock F.

Falconer ist kein Gefängnis, wie wir es aus aktuellen Berichten über US-Gefängnisse kennen. Dort regieren keine Gangs, dort sind nur ganz unterschiedliche Charaktere versammelt. Fast wie ein Panoptikum der ganzen Menschheit – eingeschränkt vorrangig auf jene, die ein Verbrechen begangenen haben – erscheint die Zusammensetzung. So unterschiedlich sie alle sind: die Häftlinge und die Aufseher in Block F sind eine Art von Familie, durch unauflösbare Bande zusammengeschweißt.

Allen gibt John Cheever ein ganz unverwechselbares Profil und lässt sie in teils skurrilen, teil berührenden Szenen auftreten. Und zur selben Zeit ist Falconer auch ein Ort, der brutal und gnadenlos ist. Er nimmt den Menschen, die darin eingesperrt sind, jeden Sinn für ihr Dasein, sie vegetieren geistig dahin, drehen sich unentwegt im Kreis. Und das ist die schlimmste, die weitaus härteste Bestrafung, schlimmer noch als die gelegentliche Willkür des Gefängnispersonals.

Farraguts Gedanken, seine Träume, seine Halluzinationen im Delirium drehen sich sein Leben, seine Eltern, seinen Bruder, seine Jugeng, seine Reisen; und um seine Frau Marcia und immer wieder um seine Sucht, um das Methadon, das er jeden Morgen erhält. Vor allem um das Methadon, dessen Ausgabe an jedem Morgen zur gleichen Zeit ein zentraler Moment im Tagesablauf Farraguts ist. Denn er ist davon überzeugt, dass ohne diese Ersatzdroge sein Leben zu Ende sein wird.

Farragut sitzt Tag für Tag in seiner Zelle und begreift, dass er durch seine Ehe, seinen Beruf, seine Drogensucht schon lange vor seiner Haft in einem Gefängnis gelebt hatte. Er beginnt zu erkennen, dass er hier und jetzt die Chance hat, nach dem Ende seiner Strafe erstmals seit langen Jahren wieder wirklich frei zu sein, wenn er alles, was davor lang, hinter sich lassen kann. Bei der schwierigsten Aufgabe, der Überwindung seiner Drogensucht, erhält er dabei Hilfe von unerwarteter Seite.

John Cheever schreibt alles wie beiläufig: locker, ungezwungen, fast leger verfasst er die Sätze. Und trifft dabei stilsicher genau ins Zentrum dessen, was er sagen möchte. So ist es unausweichlich, dass man tatsächlich alles versteht, was er meint, meinen will. Nie hat man das Gefühl, als hätte Cheever überlegen müssen, wie der nächste Satz zu lauten habe.

Es fließt einer so leicht und folgerichtig in den nächsten, dass ich den Eindruck hatte, Cheever hätte den Roman von A-Z, fix und fertig und komplett, im Kopf gehabt und danach nur mehr das schon fertige Ergebnis in seine Hand diktiert. Was möglicherweise auch recht nahe an der Wahrheit liegt, denn John Cheever arbeitete viele Jahre lang als Professor in einem Gefängnis und es finden sich in diesem Roman auch viele literarische Verweise auf sein eigenes Leben und seine eigenen Süchte. Er kannte also diese Typen, diese Schicksale, dieses Gefühl des Eingesperrt-Seins aus eigenem Erleben.

Es ist weit weniger die Geschichte, es sind viel mehr die Formulierungen, die Sätze, die Sprache, die für mich diesen Roman ausmachen; die ihn ungemein interessant machen und die das Lesen zu einer kurzweiligen Erfahrung, zu einem Lesevergnügen machen. Dass sich dann daraus auch eine Handlung ergibt, das ist eine willkommene Folge und gibt der Sprache den adäquaten Rahmen.



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