Buchbesprechung/Rezension:

Donna Leon: Feuerprobe
Commissario Brunettis dreiunddreißigster Fall

Feuerprobe
verfasst am 05.06.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Leon, Donna
Genre: Kriminalromane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Jugendgangs in Venedig? Donna Leon verarbeitet in diesen Roman ein überaus gegenwärtiges Thema, das uns alle immer mehr beschäftigt: die steigende Aggressivität und Gewaltbereitschaft der Jugend (und nicht nur der).

Eine Auseinandersetzung zweier Gangs aus Halbwüchsigen, die ihre Hormone nicht unter Kontrolle haben, ist der Ausgangspunkt des 33. Falles von Brunetti. Nichts sieht nach einem Gewaltverbrechen aus. Zwar wiederholt sich der Bandenkrieg wenig später auf einem anderen Platz, aber mehr als eine kleine Strafe Ruhestörung würde wohl nicht herausschauen, wenn man die jungen Herrschaften vor Gericht stellen würde.

Die erste Auseinandersetzung konnte von der Polizei beendet werden, bevor schlimmeres passierte, die Daten der Teenager wurden aufgenommen und alle durften wenig später von ihren Eltern abgeholt werden. Nur ein Fünfzehnjähriger bleibt auf der Polizeistation zurück, denn sein Vater war nicht erreichbar. Also nimmt sich Kommissarin Griffoni des Jungen an und begleitet ihn nach Hause. Gut gemeint, aber das wird ihr später noch Probleme bereiten.

Auch wenn diese Banden von Jugendlichen bei der Polizei als „Babygangs“ bezeichnet werden, so muss doch bald festgestellt werden, dass es in diesen Gangs einige Anführer gibt, die überaus gefährlich sind.

Als ein Kollege Brunettis Opfer einer Attacke in seiner eigenen Wohnung wird, ist rasch ein Zusammenhang mit den nächtlichen Randalierern hergestellt. Jetzt endlich können Brunetti und seine Leute, mit voller Rückendeckung von Vice-Questore Patta, aktiv werden. Eine Ermittlung beginnt, die unerwartete Ergebnisse bringen wird.

Mehr als ein Krimi

Donna Leon nützt diesen Roman, so mein Eindruck, in ihren persönlichen Blick auf unsere Gegenwart zu einzubringen. Wenn sie schreibt, dass Brunetti für dieses Treiben jegliches Verständnis fehlt, dann beschreibt sie wahrscheinlich auch ihre eigenen Gefühle: wie ratlos Brunetti/sie dem Verhalten vieler Jugendlicher und deren Eltern gegenübersteht, ein Unverständnis, das ich weitgehend teile. Denn warum findet immer mehr Gewalt Einzug in den Alltag, warum werden Aggression und Vandalismus immer mehr zur Selbstverständlichkeit, oft nur zum Zweck der Selbstdarstellung in sozialen Medien?

Zudem habe ich den Eindruck, dass Donna Leon mit der Schilderung der Spaziergänge Brunettis durch Venedig – manche mit seiner geliebten Ehefrau, manche mit seinen Kolleginnen und Kollegen, manche alleine – das festhalten möchte, was langsam zu Vergangenem wird. Die alten Gebäude, die Geschäftslokale, in denen keine Geschäfte mehr sind, die einsamen Winkel der Lagunenstadt: all das vermittelt eine wehmütige Stimmung, eine Atmosphäre von Traurigkeit darüber, wie Dinge vergehen, die so lange das Leben begleiteten.

Und noch ein weiteres Thema packt Donna Leon in die Handlung: Es geht um Vorgänge, das rund zwei Jahrzehnte in der Vergangenheit liegen. Denn im Zug der Ermittlungen stößt Brunetti auf den Fall eines Carabinieres aus der Zeit der Militärpräsenz Italiens im Irak. Hat der Mann nach einem Bombenanschlag vielen seiner Kameraden das Leben gerettet, ist er der Held, als der er damals in der Öffentlichkeit gefeiert wurde? Reportagen über Anschläge erreichten uns damals beinahe täglich.

Brunetti ist überwältigt von dem, was er in den geheimen Dossiers liest und was er aus dem Mund der Überlebenden hört. Es sind Kapitel, in denen die traumatischen Ereignisse beinahe lebendig werden. Wie Donna Leon dieses Thema in diesen Roman einbringt, das geht schon weit über das hinaus, was man gewöhnlich von einem Kriminalroman erwarten kann.

So viel ist in diesen Roman hineingepackt, dass ich es am Ende überhaupt nicht vermisse, dass es kein Kriminalroman im engeren Sinn ist. Ein Kapitalverbrechen muss gar erst nicht aufgeklärt werden, denn es findet kein Mord statt. 

Der 33. Fall Brunettis ist weniger ein Krimi als ein Roman über Gegenwart und Vergangenheit. Über das, was in unsere Zeit prägt und darüber, wie wir scheinbar Unverrückbares aus unserer Vergangenheit manchmal neu bewerten müssen.

Weil es eben um viel mehr geht, als um Verbrechen und Polizei, Täter und Opfer, ist „Feuerprobe“ ein Roman, den ich nicht nur für Krimifans unbedingt empfehlen kann.




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