Robert Neumann: Die Puppen von Poshansk

verfasst am 21.01.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Neumann, Robert, Satire

Die Puppen von PoshanskEiner der (seltenen) Fälle, bei denen der Titel der deutschen Übersetzung noch besser zutrifft als der des Originales  (den man mit „Aufruhr in Poshansk“ übersetzten würde). Warum aber, wird man sich fragen, warum schreibt der Österreicher Robert Neumann denn überhaupt in Englisch?

Es blieb ihm, dem im Jahr 1934 vor den Nazis geflohenen, nichts anderes übrig, als im Exil in England (wo er 1947 die Staastbürgerschaft erhielt und bis 1955 lebte) in der Sprache des Landes zu schreiben, um dort Geld für seienen Lebensunterhalt zu verdienen.

Warum also ist „Die Puppen von Poshansk“  der bessere Titel? Ganz einfach: die Menschen, die in Poshansk nach einer exakt vorgegeben Choreografie ein Stück für einen ahnungslosen Besucher aus den USA aufführen, sind nichts anderes als die Marionetten in einem Puppenspiel. An den Fäden ziehen die Partei und der Übervater Stalin.

Zu Beginn liest sich dieses Buch etwas wunderlich: die Struktur der Sätze, die Wahl der Worte, die Beschreibungen – sehr überzeichnet, oft übertrieben. Die Lösung für eine einfachere Lektüre, dafür, wie man das ganze Buch besser lesen kann ist (bzw. war für mich), sich einfach ein Marionettentheater vorzustellen.

Die Bewegungen der Figuren etwas linkisch, ihr Text ein wenig unbeholfen, eher würde man das auf einer Stegreifbühne als  im Theater erwarten. Es ruckeln also diese Figuren etwas linkisch und unbeholfen über die Bühne, auf der – so wie es ebene ist – alles dicht gedrängt beisammen gebaut ist.

Die Bühne befindet sich irgendwo, ganz weit weg –  und im Norden – in Sibiren. Ein Gefangenenlager, ein kleiner Ort mit Hitel, Bahnhof, Amssthaus und Geschäfts. Ein paar Apparatschiks, ein paar ehemalige Sträflinge, die aus dem Lager entlassen wurden, aber nichjts anderes kennen und dort in der Einöde bleiben.

Das alles hat seinen Grund: den allgegenwärtige „Big Brother“, der, auch wenn gerade nicht anwesend, das Denken der Leute schon so infiltriert hat, dass man wahrscheinlich auch in den eigenen Gedanken nur mehr in Sowjetklischees und eingeübten Phrasen denkt. Nur nichts falschen sagen, machen, denken, denn Genosse Stalin hat Augen und Ohren überall. Das führt (und wir kennen das aus Berichten über die kommunistischen Staatens von der UdSSR bis zur DDR) zu einer durchgegehenden Selbsttäuschung. Mit der sind aber alle glücklich und zufrieden, denn Hauptsache, man beweist sich andauernd als guter Genosse. Oder gute Genossin. Phrasenhafte Sprache und das Ignorieren des Ist-Zustandes zugunsten des von der Propaganda vorgegaukelten Zustandes ist die Folge.

Nun, da das Bühnenbild steht, ließe sich darin die Geschichte vom US-Bürger auf Besichtigungsreise bei dem Kommunisten wunderbar inszenieren.

In den unendlichen Weiten Sibiriens haben die Sowjets unter Stalin (bitte dabei nicht zu vergessen, dass schon Lenin damit begonnen hat) ein Netz von Straflagern errichtet, die man später bei uns mit dem Begriff  „GULAG“ bezeichnen wird. Robert Neumann schreibt über diese Hölle, in der viele Millionen vegetierten und starben. Als ein Abgesandter des US-Präsidenten den Wunsch hegt, sich auch in dieser Gegend am Ende der Welt umzusehen, inszeniert die Partei für ihn ein fast perfektes Thater.

Ein Märchen über die schöne, heile Welt Sibiriens entsteht, über die gutgenährten und pfleglich behandeltene Gefangenen.  So, wie es eben nur die Russen können, seit Marschall Potemkin, wie man sich erzählt, der Zarin Katharina II die Existenz ganzer Dörfer vorgaukelte.

Es geht um Geld, das die Sowjets nicht mehr haben, das die Amerikaner aber verleihen sollen. Weil man aber weiß, dass die US-Bürger ein so unverständliches Interesse an Menschenrechten und Freiheit haben, haben es diese Leute wahrlich verdient, völlig hinters Licht geführt zu werden. Und der Abgesandte, taktisch genial abgelenkt von einer schönen Russin, möchte ja nur zu gerne glauben, was man ihm zeigt.

Das Buch leidet unter der oft zu ausschweifenden, übertriebenen Formulierung. Da packt der Autor manchmal zu viel in einen einzigen Satz;  es fällt ihm noch etwas ein, er hängt es an, verwirrt dabei mehr, als dass er erhellt; dehnt das Thema bis ins Groteske aus, versäumt dann aber, wieder nachzulassen.

Das verhindert, dass aus der großartigen Idee, aus der fast perfekt aufgebauten Szenerie dann ein wirkliches Meisterwerk wird. Von fast schon genialen Gedanken bis hin zu banalen Übertreibungen reicht die literarische Platte.

Die Figuren verbleiben vielfach marionettenhaft, Dialoge wirken zu oft wie das monotone Ablesen eines vorgegebenen Textes, den man zwar liest, nicht aber versteht.  Ich kann nachvollziehen, dass dies Absicht ist, aber für mich schadet es dem Ergebnis.

Streicht man etwas von diesem „Zu Viel“ weg – kratzt also gewissermaßen Polemik und Satire heraus -, dann hat man einen Roman vor sich, der schon im Jahr 1952 ein klares, unverblümtes Bild der Stalinära entwirft.  Stalin lebte noch, noch war nur wenig bekannt über seine Verbrechen und über das Leid, das er und sein System mit sich brachten. Und auch im Westen war der Mann damals für viele, die ihn nur als den heldenhaften Hitler-Bezwinger sahen, noch ein leuchtendes Vorbild; erst seit wenigen Jahren verfügte man im Westen über Berichte über die Greuel in der Sowjetunion.

Zu komplex, um es einfach so nebenbei zu lesen.
Schade, dass das Buch zuweilen in eine Parodie seiner selbst abgleitet.
Weswegen sein wahren Wert (die unverblümte Darstellung des Stalin-Terrors) nur selten zum Vorschein kommt.

Was andere darüber schreiben…

Der Spiegel, Rezension aus dem Jahr 1952


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