Buchbesprechung/Rezension:

Georges Simenon: Maigret in Arizona
Maigrets 32. Fall


verfasst am 16.07.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Simenon, Georges
LiteraturBlog Bewertung:

Kommissar Jules Maigret auf Studienreise in den USA. Nach mehreren Stationen in verschiedenen Städten ist er nun in Arizona gelandet. Im Staat mit der Hitze und der Wüste und der Grenze zu Mexiko.

Es gibt hier so einiges, das für einen Franzosen befremdlich erscheint. Beispielsweise der enorme Alkoholkonsum, in einem fort werden Bier und Whisky in großen Mengen konsumiert – was selbst für Maigret, der auch selbst Bier trinkt wie andere Leute Wasser, Verwunderung auslöst. Oder die nachlässige Kleidung vor Gericht, ist es Maigret doch gewohnt, dort stets mit Sakko und Krawatte zu erscheinen. Oder die Frage nach seinem Vornamen, die daheim wohl nie jemand gestellt hätte – man nennt ihn dann Julius, es spricht sich einfacher aus im Englischen.

Die Verhandlung dreht sich um eine junge Frau mit dem Namen Bessy Mitchell. Was mit ihr geschah, ob überhaupt etwas mit ihr geschah, das ist Maigret zunächst nicht bekannt. Sein Gastgeber, der FBI Agent Harry Cole hatte ihn in den Saal gesetzt, eine amerikanische Gerichtsverhandlung würde den Kollegen aus Europa doch sicher interessieren. Als er den Verhandlungssaal betritt, sind schon alle Beteiligten vor Ort und die Befragung im Gange.

Seine Arbeit beginnt normalerweise, nachdem ein Verbrechen bekannt wurde. Hier ist es anders, Maigret muss erst einmal erfahren, worum es bei der Verhandlung überhaupt geht. Ist er zunächst noch verwirrt vom ungewohnten Ablauf, erwacht bald sein Interesse, es wird auch für ihn selbst, so wie für die Leserinnen, immer spannender, dem Verhör zu folgen; dieses führt Schritt für Schritt zur ersten Klarheit: warum diese Verhandlung überhaupt stattfindet.

Als Zuhörer, zur Untätigkeit verpflichtet, ist der Kommissar denkbar schlecht geeignet. Wie laienhaft die Befragung der Zeugen durchgeführt wird, wie wenig doch hier ans Licht kommt, wie anders es Maigret selbst gemacht hätte, welche Fragen ihm ganz spontan einfallen, um die Zeugen, die ganz offenbar etwas verbergen, in die Enge zu treiben. Er muss sich oftmals zurückhalten, um nicht aufzuspringen um lauthals Fragen zu stellen, die er für wichtig, ja entscheidend hält. Doch Maigret muss akzeptieren, dass er vom ermittelnden Sheriff O’Rourke nicht in alle Erkenntnisse eingeweiht wird.

Ganz großartig beschreibt Georges Simenon wie sein Kommissar fast einen ganzen Roman lang nicht mehr weiß als wir LeserInnen. Der Krimi ist damit auch eine Geschichte über halbe Wahrheiten, über Hörensagen, über das, was wir alle subjektiv sehen, hören, erleben. Man kann auch klar nachvollziehen, wie sehr der Einblick auf nur ein kleines Detail zu einer gänzlich falschen Vorstellung vom Ganzen führen kann.

„Maigret in Arizona“ ist ein Gerichtssaal-Thriller der feinen Sorte, der gewissermaßen dazu herausfordert, gemeinsam mit Maigret alle diese Widersprüche zu klären, Lügen und Wahrheiten zu identifizieren.

Ein toller und untypischer Maigret-Roman: spannend und lebendig, eines der Highlights aus der Reihe mit dem Kommissar.




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