Mechtild Borrmann: Mitten in der Stadt

Am Anfang ist es ein Überfall auf einen Juwelier, mitten in der Stadt. Bei den Tätern kann sich dem ersten Anschein nach nur um die Bande halten, die schon einige Überfälle in dieser Art durchgeführt hat. Mit einem schweren Wagen durch die Schaufensterscheibe donnern, alles ausräumen und schnell wieder weg. Das Markenzeichen der Bande: auf keinen Fall dürfen Menschen zu Schaden kommen.

Und genau an diesem Punkt setzen beim jüngsten Einbruch die Zweifel ein. Denn der Neffe eines italienischen Lokalbesitzers wird bei der Flucht des Räubertrios angefahren, absichtlich, wie es scheint, im Krankenhaus schwebt er zwischen Leben und Tod. Während sich die Polizei in der Stadt Kleve durch Spuren, Hinweise und Fakten arbeitet, entwickelt sich parallel eine, wie es zuerst scheint ganz eigene, unabhängige Geschichte.

Diese 2. Geschichte beginnt aber schon viel früher, viele Jahre in der Vergangenheit, in der Zeit gleich nach der Wende in Ostdeutschland. Westdeutscher Geschäftsmann beeindruckt ostdeutsches Mädel, eine Affäre, ein Kind. Ostdeutsches Mädel zieht zu westdeutschem Geschäftsmann und sie gründen eine Familie. Doch das neue Leben läuft für die junge Frau nicht so wie erhofft – ganz und gar nicht. Eine Fassade nach der anderen bröckelt ab und der vermeintlich erfolgreiche Businessmann entpuppt sich als Autoverkäufer, Alkoholiker und – vor allem – als schlagkräftiger Choleriker. 

Eine Familiengeschichte entsteht, wie man sie leider viel zu oft findet, eine Spirale aus Gewalt, Armut, eine Hölle für die Frau und für die Kinder, eine von den Sprialen, aus denen man nur schwer, in Wahrheit gar nicht,  wieder heraus findet.

Diese 2. Geschichte holt rasch auf, nähert sich in hohem Tempo der Gegenwart, in der gerade der Überfall geschehen ist.

In sehr klarer Sprache mit einer sehr klar erzählten Handlung entwickelt sich einer von diesem „ich lese nur noch schnell ein paar Seiten, dann komme ich gleich“-Krimis. Nichts ist gekünstelt, alles könnte genau so geschehen. Alle Personen sich echt, wie die Menschen, denen man auch auf der Strasse begegnen kann. Somit lebt die Handlung nicht von überraschenden Wendungen, im Gegenteil, man kann sich schon recht bald vorstellen, wie alles wirklich abgelaufen ist.

Ein Krimi, bei dem man vergeblich auf wild erfundene Konstruktionen wartet, in dem man nicht auf psychisch abgewrackte Polizisten stösst, der auf literweise vergossenen Blut verzichten kann – kurz: genau so, wie ich es am liebsten habe, nur auf die Handlung und die Spannung ausgerichtet.

Der Roman lebt von der Spannung, die sich aus alltäglichen Dingen ergeben kann und davon lebt er ganz ausgezeichnet. Der 2. Roman von Mechtild Borrmann, den ich gelesen habe und sicher nicht der letzte!



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