Don Winslow: Tage der Toten

verfasst am 26.10.2010 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Thriller, Winslow, Don

Es beginnt 1975: College, Vietnam, CIA. Und dann zur neu geschaffenen DEA, Drogenbosse schnappen. Arthur Keller wird mitten in den Brennpunkt des Geschehens geworfen, nach Mexiko, wo  schon damals (und heute noch immer, wie man fast täglich den Nachrichten entnehmen kann) ein blutiger Krieg um die Herrschaft über das Drogengeschäft tobte.

In den 1970er lernte er die kennen, die heute an der Spitze der Gewaltpyramide stehen. Damals haben Sie in benutzt, haben ihn getäuscht und mit seiner ungewollte Hilfe ihre Macht ausgebaut. Heute ist Art Keller zu ihrem Albtraum geworden. Er ist den Kartellen und Banden auf den Fersen, doch das hat ihm in den vergangenen Jahren nur viel Leid und Enttäuschung eingebracht.

Der Einstieg ins Buch ist (noch) nicht sehr reisserisch. Fast eine gemütliche Erzählung. ja, natürlich auch mit vielen grauslichen Details, aber in der mexikanischehn Drogenszene wird natürlich nicht so fein gemordet wie bei Agatha Christie. Und Art Keller ist auch nicht Hercule Poirot, der mit wohl gesetzten Worten die Schuldigen aus der Deckung lockt.

Art Keller holt die Bösen mit Feuer und Schwert aus ihren Löchern, da kann man keine Zimperlichkeiten erwarten. In den 30 Jahren, die seit seiner ersten Bekanntschaft mit den Bossen vergangen sind, wurde ihm rein gar nichts geschenkt. Als ehemaliger CIA-Mann bei der DEA angefeindet, in Hinterhalte gelockt, belogen und hinters Licht geführt. Kein Leben für zart besaitete. Aber das ist Keller sowieso nicht und zu verschenken hat auch er nichts.

Je weiter man liest, desto schneller dreht sich der Kreislauf aus Mord und Korruption und desto weiter wird man ins Buch hinein gezogen. Genau so wie Keller immer tiefer hinein gerät, genau so wird es beim Lesen immer spannender. Das geht so lange, bis es fast unmöglich ist, damit auf zu hören. Man sollte also im Wetterbericht auf die Ankündigung von Schlechtwetter achten: dann ist genau der richtige Zeitpunkt für „Tage der Toten“, da macht es sowieso keinen Spass, hinaus zu gehen. Ein Buch für den Strand ist es nicht – da merkt man wahrscheinlich nicht einmal, wenn man schon einen ordentlichen Sonnenbrand hat.

Aber weiter im Buch. Mexiko, das ist nur ein Teil der Geschichte, denn die ganzen Drogen müssen an die Abnehmer und die sitzen in den USA. Wer sich bis jetzt gefragt hat, warum das Geschäft schon so viele Jahre läuft und keiner kann es in den Griff bekommen, der/dem wird hier eine Antwort präsentiert.

Dort wo Politik, Polizei und wer auch immer etwas dagegen unternehmen sollten, dort sitzen Leute an den richtigen Stellen, die lieber auf ihr eigenes Konto achten, als die ganzen Dealer und Oberdealer zu verhaften. Denn gerade die sorgen mit großzüzigen Spenden für einen äußerst komfortablen Lebenswandel dieser Leute und wer schlachtet schon die Kuh, die die Milch liefert? Genau! Niemand!

So läuft es also. Polizei und Politik in Mexiko und in den USA verdienen lieber mit und sorgen mit Entscheidungen am richtigen Ort und Wegschauen zur richtigen Zeit für ein reibungsloses Geschäft, wohlwollend unterstützt von der Mafia, den Iren, kurzum – alle sind dabei und werden reich.

Dann die 1980er-Jahre: Kalter Krieg, überall Kommunisten, zuerst Kuba, dann Nicagargua,welches Land folgt als nächstes? Deshalb gibt es noch die zweite Ebene der Kooperation und Vertuschung: dort wo es um so genannte Großmachtinteressen und um Aussenpolitik geht, können es sich die Gangster – vorausgesetzt sie stellen sich auf de richtige Seite – auch sehr gut und bequem einrichten, denn dann werden CIA und DEA gerne kurzsichtig. Das funktioniert, weil die Anweisungen dazu direkt aus dem Weissen Haus kommen.  Es könnte  alles für ewige Zeiten so weiter gehen, gäbe es nicht Leute, die niemals aufgeben, Leute wie Art Keller.

Er ist von Anfang an mit dabei. Als sich die Drogenmafia in Mexiko organisiert. Als Kolumbianer, Mexikaner und die amerikanische Mafia ihr Bündnis schmieden. Als die Drogenwelle zu ersten Mal so richtig über das Land herein bricht. Als sie immer höher wird, als die ganze Politikerclique mit ins Geschäft einsteigt, als alle reich werden bis auf die Junkies, von denen immer mehr in der Gosse landen. Er ist dabei, als sein bester Freund stirbt.

Doch Präsidenten kommen und gehen, die 1990er kommen, die Politik ändert sich und alte Geheimbündnisse sind keine Garantie mehr für Sicherheit. Keller beginnt zurück zu schlagen, einen Verbrecher nach dem anderen hoch gehen zu lassen, so hoch, dass selbst die allzeit bereiten schützenden Hände nicht mehr helfen. Einer gegen alle – wie lange kann das gut gehen?

Es sind viele Tote an vielen Tagen, sie sind Teil der Geschichte der US-amerikanischen Politik der vergangenen Jahrzehnte in Mittelamerika. Ein Wunder, dass dort überhaupt noch jemand am Leben ist.

Zusammengefasst: rasant, spannend, brutal, aufregend, atemlos.  Ein Hammer!


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