Buchbesprechung/Rezension:

José-Luis Munuera: Bartleby, der Schreiber (Graphic Novel)
Eine Geschichte aus der Wall Street


verfasst am 13.06.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Comic & Graphic Novels, Melville, Herman, Munuera, José Luis
LiteraturBlog Bewertung:

José-Luis Munuera erweitert Herman Melvilles Novelle aus dem Jahr 1853 um die Darstellung der Welt in New York zu jener Zeit: eine geschäftige, schmucklose Stadt im Aufbruch in eine neue Zeit.

Die Wall Street als Zentrum der Geschäftigkeit, wie sie es bis heute ist. Damals der Ausdruck der aufstrebenden Wirtschaftsmacht Amerika, heute als weltweit dominierender Tummelplatz für Spekulationen.

In der Erweiterung der ursprünglichen Geschichte lässt der spanische Zeichner José-Luis Munuera die Atmosphäre entstehen, in der es zwei Arten von Menschen gab: diejenigen, die über ein Vermögen, ein Unternehmen und Einfluss verfügten und diejenigen, die wie Automaten alles zu tun hatten, um die Wirtschaft im Laufen zu halten.

Wer damals in einer Kanzlei oder einer Fabrik Arbeit gefunden hatte, musste sich damit abfinden, dass man Rechte nur dann hatte, wenn der Vorgesetzte sie freiwillig zugestand. Meistens aber war man den Entscheidungen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert: wie sollte sich ein Einzelner gegen Arbeitszeiten nach Gutdünken und Lohnkürzungen wehren.

Als Bartleby in der Kanzlei des Anwalts seine Stelle als Kopist antritt, ist er zunächst die lang erwartete und äußerst willkommene Hilfe bei der Bewältigung des ständig ansteigende Arbeitsaufwands. Er leistet gute Arbeit, ja er sorgt mit seiner Gewissenhaftigkeit sogar dafür, dass die schon länger im Dienst des Anwalts stehenden Angestellten mehr leisten. Bartleby in seinem kleinen Büro ohne Fenster scheint mit sich und er Welt im Reinen zu sein.

Bis zu dem Zeitpunkt, als schier unerhörtes geschieht: Bartleby soll eine weitere Tätigkeit übernehmen, doch er weigert sich: „Ich möchte lieber nicht„. Es ist das erste Mal, dass der Anwalt dies zur Antwort bekommt, er wird es noch öfter hören.

Ein undenkbarer Vorgang und einer, mit dem der Anwalt nicht so recht umzugehen weiß. Verweigerung ist eben nicht vorgesehen im gut geschmierten Motor der Wall Street, das ist Anarchie. Doch wie soll nun er, der Vorgesetzte, das Problem lösen, das zudem immer umfangreicher wird. Bartleby weigert sich, das Büro zu verlassen, er nimmt auch nicht zur Kenntnis, dass er gekündigt wird, sondern bleibt, am Ende regungslos an seinem Platz. Drohungen, Bitten, Geld – mit nichts in Bartleby dazu zu bewegen, sein „Ich möchte lieber nicht“ zu allem zu sagen, was man ihm vorschlägt, anbietet oder befiehlt.

Zuerst die Original-Novelle und dann dazu diese Graphic Novel zu lesen, verschafft ein äußerst greifbares Bild darüber, wie es war (gewesen sein könnte), damals in den 1850er-Jahren, in der Boom-Town New York. Wie das entstand, was wir heute den Kapitalismus nennen, wie die Welt der Menschen begann zu werden, wie sie heute ist.

José-Luis Munueras Zeichnungen vermitteln ein düsteres Bild, in dem die Rat- und Machtlosigkeit des Anwalts und das der Welt entrückte Verhalten Bartlebys ganz großartig dargestellt sind.




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