Buchbesprechung/Rezension:

Markus Thiele: Die sieben Schalen des Zorns


verfasst am 25.04.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Thiele, Markus, Thriller
LiteraturBlog Bewertung:

Max und Jonas, die engsten und besten Freunde seit der Schulzeit. In den vergangenen Jahren ist der Kontakt beinahe abgerissen, zu sehr haben sich die Lebenswege der beiden voneinander entfernt. Was aber jetzt geschehen ist, das führt die beiden wieder zusammen.

Max braucht Hilfe und Jonas ist der einzige, der ihm helfen kann.

Dr. Max Keller ist Arzt, über sein Leben mit vielen Rückschläge und nur wenigen Erfolgen ist zu lesen. Seine ganze Kraft ist gefragt, als seine Tante Maria Linz, die von ihm über alles geliebte Tante, die für ihn nicht weniger als die Mutter war, die er nie hatte, sich in der Demenz verliert. Wie die beiden schon Jahre zuvor übereingekommen waren, als die Diagnose Alzheimer Marias Welt von Tag auf den anderen ins Wanken brachte, hilft er seiner Tante zu sterben. Maria wollte nicht dahindämmern, sie wollte selbst bestimmen, wann ihr Leben zu Ende gehen sollte.

Maria und Max setzten eine Verfügung auf, gemäß der Max handelt. Was ihn aber danach in Schwierigkeiten bringt, das ist der Umstand, dass die Polizei eingeschaltet wird, dass bei einer Obduktion genau jene Medikamente gefunden werden, die Max seiner Tante injizierte und dass die Verfügung, die Maria eigenhändig und damals noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte unterschrieben hat, verschwunden ist. Es stellt sich sogar die Frage, ob eine solche Verfügung überhaupt jemals existierte oder nur von Max selbst erstellt wurde, um sich selbst zu schützen

Jonas ist Staatsanwalt in Hamburg und kurz davor, zum Generalstaatsanwalt ernannt zu werden. Genau in diesem Moment wendet sich Max, nach Jahren des immer seltener werdenden Kontaktes, an seinen Freund mit der Bitte um Hilfe; denn Max droht, im schlimmsten Fall, eine Anklage wegen Mordes.

Die Fragen der Moral und des Rechts

Das vorrangige Thema des Romanes ist die Frage, was die Gesellschaft dem Einzelnen an Selbstbestimmung über den Lauf des eigenen Lebens einräumt. Steigende Lebenserwartung bringt nicht nur zusätzliche Lebensjahre, die wir durch die Errungenschaften in der Medizin und unsere Lebensumstände gewinnen, sie bringt auch für viele im hohen Alter Krankheiten und chronische Leiden, für die es keine Heilung und oft auch keine Linderung gibt. Ist es in solchen Fällen gerechtfertigt, Menschen, die zwar geistig in der Lage sind, eine Entscheidung zu treffen, körperlich aber diese nicht mehr selbst umsetzen können, beim Sterben zu helfen?

Das ist aber nicht das einzige Thema, mit dem sich Markus Thiele in diesem Roman auseinandersetzt.

Ein weiteres ist Freundschaft: wie weit sollen, können, müssen Freundschaft und Dankbarkeit gehen? In der gemeinsamen Vergangenheit von Max und Jonas gab es ein Ereignis, das beider Leben und das ihrer Familien auf dramatische Weise in neue Bahnen lenkte. Max stand für Jonas ein, nahm ohne zu zögern Schuld auf sich, damit der Freund sein Lebensziel erreichen konnte. Wäre es damals nicht so abgelaufen, könnte Jonas nun nicht dort stehen, wo er ist, sein eigene Leben wäre völlig anders verlaufen. Das liegt über 20 Jahre zurück und jetzt scheint die Zeit gekommen zu sein, um die Schuld von damals abzutragen.

Das dritte Thema befasst sich mit der Rechtsfindung insgesamt. Aus seiner Tätigkeit als Rechtsanwalt berichtet Markus Thiele quasi aus seinem Wohnzimmer, wenn er das Gerichtsverfahren beschreibt, in dem Max der Angeklagte und Jonas der Ankläger ist. Der Ablauf der Verhandlung und die Überlegungen, die Jonas dazu anstellt, geben eine ungemein klaren Blick auf das, was die Rechtssprechung ausmacht. Wie Thiele es in beeindruckender Weise aufzeigt, ergeben sich Recht und Gerechtigkeit nicht aus einer einzelnen Perspektive, sondern benötigen immer viele verschiedene Standpunkte, um zu einem Urteil zu gelangen, das gerecht und zeitgemäß ist. Aus diesem Grundsatz ergeben sich somit Urteile, die dem Einzelnen vielleicht ungerecht erscheinen, im Sinne einer umfassenden Betrachtung aber richtig sind.

Jedes dieser Themen wird grandios erzählt anhand der Lebenswege von Jonas und Max und eingebettet in die Gesellschaft der 2020er-Jahre.

Es ist ein packendes Buch und es gehört für mich zu den tatsächlich bedeutenden Neuerscheinungen des Jahres 2022. Gesellschaftliche Fragen lassen sich im Rahmen einer dazu noch spannenden und fesselnden Handlung kaum beeindruckender behandeln, als es in „Die sieben Schalen des Zorns“ gelungen ist.




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