Buchbesprechung/Rezension:

Markus Thiele : Die Wahrheit der Dinge


verfasst am 22.04.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Thiele, Markus
LiteraturBlog Bewertung:

Wohin uns unsere Entscheidungen tragen. Wie oft Missverständnisse zu falschen Ergebnissen führen.

Das sind, neben einigen anderen, die Gedanken, die Frank Petersens Leben bestimmen. Petersen ist Richter, seine Entscheidungen können einem Menschenleben eine neue Richtung geben. Was aber geschieht mit seinem eigenen Leben? Opfer und Täter sind es, über die man hört, aber wann erfährt man, was ein Urteil für die Person bewirken kann, die es kraft ihres Amtes gefällt hat.

Am Beispiel dieser Katastrophe in Petersens Gerichtssaal, als fünf Jahre zuvor Corinna Maier den Mörder ihres Sohnes kurz vor der Urteilsverkündung erschoss, begibt sich Markus Thiele auf die Suche nach den Gedanken und den Folgen für einen, der unbeugsam von der Basis des Rechtes aus für Gerechtigkeit sorgen soll.

Petersens Welt ist allem Anschein nach dabei, in Brüche zu gehen.

Es ist das Urteil, dass er in bei der letzten Verhandlung fällte, das alles zusammenbrechen ließ: Seine Frau und sein Sohn werfen ihm Befangenheit vor und er rechtfertigt sich, wie er es immer tut, dass er immer abwägt und dass er ohne Ansehen der Person urteilt. War er dabei befangen? Wird sein Urteil vor der nächsthöheren Instanz Bestand haben?  Seine Frau und sein Sohn haben das gemeinsame Haus verlassen, alleine zurückgeblieben nagen die Zweifel an ihm, ob er in seinem Amt als Richter noch die richtigen Entscheidungen treffen kann.

Als Corinna Meier zur selben Zeit vorzeitig aus der Haft entlassen wird, ist das auch für Petersen die Chance, für sich selbst Klarheit zu finden. Er holt Corinna vom Gefängnis ab, er teilt seine Zeit mit ihr an den ersten Tagen ihrer Freiheit und er versucht diese eine Frage zu klären, die ihn seit damals, seit dem Tag der Bluttat nicht mehr loslässt: warum tötete Corinna Maier den Mörder ihres Sohnes ausgerechnet kurz bevor Petersen das Urteil verkünden wollte.

Frank Petersen mit seinen Zweifeln und Corinna Maier mit ihrer Vorgeschichte des Leides und der Verluste. Als Ausgangsbasis für den Roman dienen zwei Kriminalfälle, die zu unrühmlicher Berühmtheit gelangten: 1981 erschoss Marianne Bachmeier den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal und 1990 wurde der Angolaner Antonio Kiowa von Skinheads zu Tode geprügelt, diese aber wurde nur zu kurzen Haftstrafen verurteilt.

Der Roman ist nun zwar keine literarische Aufarbeitung dieser beiden Fälle, beschreibt aber an deren Beispiel mögliche Ursachen und mögliche Folgen; und er macht aus zwei ursprünglich nicht zusammenhängenden eine einzige Folge von scheinbar unabwendbaren Ereignissen.

Man weiß somit von Beginn an über beinahe alles Bescheid, nur ein paar wenigen Informationen werden erst im Laufe der Erzählung bekannt.

Es geht tatsächlich auch gar nicht primär um diese Fälle, es geht um Petersen und Maier, die lernen, mit ihrem Leben umzugehen. Dieses Lernen ist das Thema des Romanes und das lässt Markus Thiele seine Leserinnen und Leser unglaublich wirkungsvoll miterleben. Es ist hoch spannend und faszinierend zugleich, wie die beiden Hauptpersonen mit ihren Zweifeln und Ängsten umgehen, wie sie sich dabei selbst kennenlernen und wie sie dann, als sie gelernt haben, aufeinander zuzugehen, beginnen einander zu helfen.

Es ist eine Geschichte von prägenden, traumatischen Erinnerungen und darüber, wie man mit Hilfe anderer einen positiven Weg in die Zukunft finden kann. Die verarbeiteten Kriminalfälle liefern dabei den Hintergrund, sind aber nicht das eigentliche Thema des Romanes. Sie sind nur der Anlass, den Richter und die verurteilte und nun entlassene Mörderin auf einem Abschnitt des Lebens zu begleitet, in die beiden hineinzusehen und zu erleben, wie sie, durch einen Zufall zueinander geführt, einander zur Stütze werden.

Es geht aber auch um wichtige Themen der Gegenwart, um Rassismus, um die Einwanderungspolitik, um das verloren gegangene Miteinander. Petersen und Maier sind beide, wenn auch von unterschiedlichen Ausgangssituationen  kommend, in diesen in immer wieder neuen Varianten auftretenden Themen verfangen. Es geht den beiden dabei nicht anders als wohl sehr vielen von uns. Petersen und Maier finden eine gemeinsame Basis und daraus einen Weg, auf dem sich Gegensätze überwinden lassen.

Obwohl es kein Thriller ist, ließ mich die Spannung, die sich schon nach wenigen Seiten aufbaut, das Buch nicht beiseitelegen. Wie schon in seinem ersten Roman „Echo des Schweigens „trifft Markus Thiele auch hier punktgenau ein Thema der Zeit – eine unbedingte Empfehlung!




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