Stefan Kutzenberger: Jokerman

verfasst am 12.02.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kutzenberger, Stefan, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Ein ungewöhnliches Cover, irgendwo zwischen Satire und Selbstironie. Denn nach der Lektüre kann man sich eigentlich nur mehr den Autor himself auf dem Rücken des Esels vorstellen. Stefan Kutzenberger ist der Jokerman und er spielt diese Rolle gut. Selten habe ich mich bei einem Buch so amüsiert, das zugleich eine unterschwellige Klugheit in sich hatte.

Wer es bislang nicht wusste, das Geschick der Welt wird von Bob Dylan gesteuert, also nicht direkt von ihm, aber einer weltumspannenden Gesellschaft, die sich der Auslegung seiner Texte verschrieben hat. Der Held (oder ist er eigentlich Antiheld?) ist Stefan Kutzenberger, der seinen autofiktionalen Roman mit klugen Zitaten aus Literatur und Philosophie spickt, zwischen Brasilien, Portugal, Wien, Island und Washington pendelt (Hamburg nicht zu vergessen) und dabei immer tiefer in diese Geheimgesellschaft vordringt.

Bald fragt man sich, was hat Amy Winehouse mit 9/11 zu schaffen oder wie steht es um Hillary Clinton, die Kutzenberger großzügig unter die Arme greift, wenn es um ein Mordkomplott gegen Trump geht? Zum Glück erscheint auch noch Salman Rushdie als moralische Instanz. Und irgendwie ist dann noch eine versteckte Liebesgeschichte zu finden.

Der Ton ist unaufdringlich, manchmal verhalten und dann wieder sehr dicht, Kutzenberger findet die optimale Balance zwischen Be- und Entschleunigung, er lenkt sozusagen seinen Erzählton optimal durch die Vulkanlandschaft Islands genauso wie durch den Großstadtdschungel Washingtons oder den echten Dschungel im Amazonas. Es tut sich viel.

Seine Figuren sind perfekt gezeichnet und nie überzeichnet und sogar Trump wird beinah charmant persifliert, und obwohl es niemals in Zweifel gezogen wird, dass er weggehört, verhält sich Kutzenberger selbst diesem Ekel gegenüber mehr als fair. Köstlich die Passage, als der Erzähler selbst in höchster Bedrängnis ein erotisches Erlebnis in einer Schublade mit einer vermeintlichen Leiche hat und ein Buch, das jedenfalls von Anfang bis zum Ende Spaß macht. Obwohl  sogar die Bedienung der Automatikschaltung eines Leihwagens beschrieben wird, hat man nie das Gefühl, dass hier ein Satz zu viel erzählt würde, Bravo.

Gäbe es mehrere Bücher dieser Art, würden die Server von Netflix im Lockdown wenig Arbeit haben.

PS: Und ich habe wieder die Platten und CD-Sammlung meines Vaters von Bob Dylan neu für mich entdeckt.




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