F. Scott Fitzgerald: Der große Gatsby

verfasst am 07.06.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Fitzgerald, F. Scott, Romane

Es ist wie eine Zeitreise: zurück in die 1920er, als die Herren weißen Anzüge trugen und Gamaschen an den Schuhe, als die Damen die Haar kurz und die Zigarettenspitzen lang trugen, als die Cabrios mit Weißwandreifen unterwegs waren, als die Schwarze Freitag noch in weiter Ferne war.

„Der große Gatsby“ spielt in der Welt der Long-Island Society, in der Welt der New Yorker Vorstädte, in die sich die Alt-und Neureichen zurückgezogen haben, um unter sich zu sein – auch wenn nicht alle so reich sind, wie sie sich den Anschein geben; aber das spielt keine Rolle, solange man sich in diese Welt der Parties und Empfänge nur gut einzufügen weiß.

Jay Gatsby ist einer der ganz genau weiß, was von einem wie ihm verlangt und erwartet wird. Rauschende Feste, beinahe jeden Tag versammeln sich die Schönen, die Reichen auf seinem Anwesen am Meer. Man geht zu Gatsby, man braucht dafür keine Einladung. Wer kommt, ist willkommen und viele lernen den Gastgeber überhaupt nicht kennen. Das bringt es mit sich, dass immer mehr Gerüchte zu sprießen beginnen, wer dieser geheimnisvolle Gatsby wohl sei, womit er sein Geld verdient, woher er überhaupt abstammt. Gatsby wird weniger geschätzt, als bestaunt und unter vielen Menschen, die seine Gastfreundschaft genießen sind keine Freunde, nicht einmal Bekannte; sie wollen einfach nur dabei gewesen sein. Nur Nick Carraway, der Gatsbys Geschichte erzählt, wird zu einer Art von Freund.

„Der große Gatsby“ ist ein Buch, das wohl vielen bei uns eher als Film denn als Roman geläufig ist. Robert Redford und später – für mich noch weit überzeugender – Leonardo Di Caprio spielten den Großen Gatsby. Es macht aber gar nichts, wenn man den Film schon gesehen hat, denn der Roman bietet ein weitere Ebene der Erzählung, in der man sich selbst tief diese überschwängliche Epoche hinein vesetzten kann (und ja, selbst beim Lesen trägt Gatsby andauernd das Gesicht von Di Caprio)

Der Aufstieg Gatsbys ist eine, nennen wir es so: typisch amerikanische Aufsteiger-Geschichte. Stück für Stück enthüllt F. Scott Fitzgerald die wahren Beweggründe, wie aus dem attraktiven, aber mittellosen jungen Mann ein reicher, unabhängiger Long-Islander werden sollte, gewissermaßen werden musste und wie er dann zu Jay Gatsby wurde. Wenn aber der Aufstieg so rasch erfolgt, dann kann auch der Fall sehr rasch und unvermittelt kommen. Denn das, worum es Gatsby immer ging, um die Liebe zu der Frau, die ihn seit Jahren antreibt, das stellt sich als unerreichbar heraus.

Es sind zwar nur knapp mehr als 200 Seiten, die dieser Roman umfasst. Darin aber schafft es F. Scott Fitzgerald mit der Leichtigkeit und Klarheit seiner Sprache, diese ganze Welt der 1920er und der Gesellschaft punktgenau zu beschreiben und ein überaus lebendiges Bild der Zeit zu zeichnen. Ein Roman, bei dessen Lektüre man ganz tief in diese „Roaring Twenties“ eintauchen kann, in dem Überschwang und Depression ganz nahe beeinander liegen.



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