Buchbesprechung/Rezension:

Stefan Zweig: Joseph Fouché
Bildnis eines politischen Menschen


verfasst am 05.05.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Biographie, Zweig, Stefan
LiteraturBlog Bewertung:

Stefan Zweig macht aus der Biografie des Joseph Fouché (1759-1820) zugleich auch eine detailreiche Chronik der Französischen Revolution und der Zeit Napoleons. Es sind Berichte aus dem Inneren der Vorgänge, im Zentrum ein Mann, der es verstand, aus der zweiten Reihe die Fäden zu ziehen.

Im Nationalkonvent wird am 17. Jänner 1793 das Todesurteil über Ludwig XVI. verhängt. Es ist der Tag, an dem Fouché erstmals ganz radikal seine Position ändert und sich von den Gemäßigten ab- und den Radikalen zuwendet. Nur die erste von vielen noch folgenden Pirouetten, die der Politiker ohne Skrupel, dafür aber mit unendlich viel Willen zur Macht vollführt.

Was Stefan Zweig ganz meisterlich vermag, das ist die Darstellung genau dieser Skrupellosigkeit. In jeweils wenigen Sätzen beschreibt Zweig, wie Fouché beobachtet, abwägt und zielsicher den Weg wählt, der ihm zum Erreichen seiner eigenen, persönlichen Ziele am dienlichsten erscheint. Es ist ein Weg, auf dem er die Seiten nach Belieben wechselt, sich nach der Meinung der Mehrheit windet, auf dem er, was er heute lobt, morgen verdammt, auf dem er Todesurteile unterstützt – alles, wenn es nur seinem eigenen Ego nützt. Solche Momente gab es viele und Fouché hatte immer das richtige Gespür für das, was ihm nützt.

Er gibt sich einmal als radikaler Kommunist dann als radikaler Kapitalist, als Atheist oder Christ, einmal als einfacher Bürger, dann als Herzog. Für ihn sind das alles nur Verkleidungen, denn seine einzige Lebensrolle ist die des Opportunisten.

Fouché agiert damit ganz im Stil der vielen Generationen an Populisten, die ihm folgten. War er dafür eine Art Vorbild, dann war er es auch für nachfolgende Überwachungsorganisationen, wie Metternichs Polizeibehörde, die Gestapo, die TscheKa oder die Stasi. Fouchés „Errungenschaften“ wirken also in gewisser Wiese bis heute nach.

Fouché, der später von Napoleon zum Herzog von Otranto ernannt wurde, überdauerte die Wirren der Revolution, weil er sich nie exponierte und weil er es vermochte, immer an die zentralen Stellen des Informationsflusses zu gelangen. Damit war er meisten in der weitaus besseren Position als die Männer in der ersten Reihe, Napoleon eingeschlossen. In einer Zeit, in der man schnell vor dem Scharfrichter enden konnte – und die meisten führenden Köpfe ereilte dieses Schicksal – ist es überaus bemerkenswert, wie lange sich Fouché am Leben und in einflussreicher Positionen halten konnte.

Weil sich alles vor dem Hintergrund der Revolution und später des Kaiserreiches zuträgt, ist diese Biografie auch eine interessante Chronik Frankreichs, die für Nicht-Franzosen wohl einige an weniger oder gar nicht bekannten Episoden beschreibt.

Stefan Zweigs Roman-Biografien gehören zu den packendsten und anschaulichsten Geschichtsbüchern, die geschrieben wurden. In der unvergleichlichen Ergänzung und Umrahmung der historischen Fakten mit literarischen Zwischentönen gewinnen die beschriebene Zeit und die beschriebenen Personen unglaubliche Lebendigkeit.




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