Eric Vuillard: Ballade vom Abendland

Millionen junger Männer träumen von einem guten Leben, Familie, von Liebe, vielleicht von Erfolg. Diese jungen Männer kommen aus Frankreich, Deutschland, aus England, aus der Donaumonarchie. Noch im Frühjahr des Jahres 1914 erscheint ihnen alles wie in einem ganz normalen Jahr, nur das Grollen im Hintergrund war da.

Europa auf dem Weg in den Krieg: in seinem unverwechselbaren Stil beschreibt Eric Vuillard die Ereignisse, die die Urkatastophe des 20. Jahrhunderts zuerst immer möglicher und dann unvermeidbar werden ließen.

Die Millionen junger Männer zogen in den Krieg, weil eine Handvoll alter Männer meinten, ihren Egos diesen Krieg schuldig zu sein.

In diesem Gegensatz wird der ganze Wahnsinn sichtbar, es ist kaum zu ertragen. Vuillard treibt seine Leserschaft durch die Eskalation, die wenige wollten, unter deren Folgen aber alle zu leiden hatten. Während an den Schreibtischen der Kanzleien und in den Stäben der Militärs mit Allianzen und Strategien jongliert wurde, starb beinahe eine ganze Generation in verschlammten Schützengräben, im Kugelhagel der Maschinengewehre, in den Bombentrichtern, die von riesigen Kanonen und den ersten Fliegerbomben geschlagen wurden.

Die Charakterisierung der Veranwortlichen und Hauptdarsteller in dieser Tragödie weicht ganz außergewöhnlich von dem ab, was man über die Kaiser und Könige, die Feldherren und Präsidenten in den Geschichtsbüchern zu lesen bekommt. Hier geht es um deren Beweggründe und darum, wie absurd diese „Gründe“ für den Eintritt in den Weltrkrieg waren. Schon alleine die Beschreibung der wechselhaften Bündnisse, wie alle versuchte, alle anderen zu verpflichten, möglichst ohne selbst verpflichtet zu sein. Wie dann, wie beim Mikado, zuerst ein Stab zu rutschen begann und  wie dann, als ob es eine naturgewollte Automatik wäre, der nächste und der nächste und dann alle folgten.

Auch wenn es diesen einen Tag in Sarajewo im Sommer 1914 gab. So, wie die alten Männer ihre Interessen vorantrieben, wäre es wohl zu diesem Krieg gekommen, auch wenn der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand nicht erschossen worden wäre.

Sarajewo, so stellte es sich heraus, war die willkommene Ausrede, endlich alle diese Kriegspläne aus den Schreibtischladen zu holen um zu beweisen, wie gut man den Krieg beherrschte, endlich die Hochöfen anzuwerfen, um der Welt die Überlegenheit der eigenen Industrie vorzuführen. In ungetrübter Einigkeit der Kaiser und Könige, der Feldmarschälle und Industriekapitäne, einmütig und satt in ihren bequemen Sesseln hinter den Fronten.

Eric Vuillard hat mit „Ballade vom Abendland“ einen der eindrucksvollsten Anti-Kriegs-Romane geschrieben, die ich jemals gelesen habe. Alles wird ungemein real, beinahe greifbar: die Angst, das Sterben der Soldaten; die Brutalität an die Fronten; die Ruchlosigkeit der Herrschenden.

Die Kapitel des Buches sind wie Blitzlichter, für einen oder ein paar Momente einen Augenblick ins grelle Licht rücken. Was man dann sieht, das sind verzerrte surreale Bilder, eben Momentaufnahmen von Situationen, die so unglaublich unwirklich erscheinen, weil man sie mit dem eigenen Verstand gar nicht begreifen kann; nicht begreifen kann, wenn man selbst nicht dabei war.

Wer, der bei Verstand ist, will angesichts all dessen, heutzutage noch an die Lösung von Konflikten mit Hilfe von Waffen und Armeen denken.

Und doch ist Krieg und Vernichtung noch immer alltägliches Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen. Und noch immer sind es wenige – politische Agitatoren oder selbsternannte religiöse Fanatiker – die zur Gewalt aufrufen und viele, die dem aufgestachelt blindlings folgen.



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