Lorenz Langenegger: Jahr ohne Winter

verfasst am 01.02.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Langenegger, Lorenz, Romane

Welchen Grund kann man haben, nach Australien zu reisen? Ein neues Land kennen zu lernen; andere Sterne am Himmel sehen; für immer dort zu bleiben. Jakob Walter hat keinen persönlichen Grund, er ist auf der Suche nach seiner Ex-Frau und er ist unterwegs, ohne dass er es selbst gewollt hätte.

Es ist Ursula, seine Ex-Schwiegermutter, die ihn um diesen Gefallen bittet. „Bittet“ ist dabei eine Umschreibung ihres sehr dringenden Wunsches, nach Australien zu reisen und ihre Tochter zu finden. Ursula ist krank, sterbenskrank und nur eine Therapie mit den Stammzellen einer nahen Verwandten kann ihr Leben retten. Und Edith, die Tochter, ist in Australien, auf irgendeinem Selbstfindungstrip im Busch und nicht erreichbar. Doch die Zeit drängt. Jakob wird gebeten, aber für ihn ist es, aber ob er gezwungen wäre.

Der Flug ist schon gebucht, Ursula hat alles bereist organisiert, mit Widerspruch hat sie nicht gerechnet.

In Australien findet Jakob mit Hilfe von Chris, einer Zufallsbekanntschaft, den Aborigine Tarka, der der einzige zu sein scheint, der Jakob zu seiner Exfrau führen könnte. Die, so hat Jakob erfahren, hält sich mit ihrer Gruppe an einem unbekannten Ort irgendwo in einer Region, so groß wie ein ganzer Staat in Europa, auf, niemand weiß, wo genau. Tarka kennt das Land und er kann helfen.

Für Jakob Walter ist es ein Trip in ein fremdes Land, in eine fremde Lebensweise am anderen Ende der Welt und eine Reise in seine eigenen Erinnerungen. Die Gedanken an die vergangenen fünf Jahre, seit Edith ihn verlassen hat, begleiten ihn bei der Suche, Rückblicke auf das Leben mit ihr und ebenso auf seine eigene Jugend und seine frühen Jahre.

Jakob ist ein stiller, sympathischer Hauptdarsteller. Rücksichtsvoll, es liegt ihm nicht, seinen Willen um jeden Preis durchzusetzen. Doch auch so kann er sich Schritt für Schritt an sein Ziel heran arbeiten, weil er immer wieder hilfreiche und freundliche Menschen trifft, die ihm den Weg weisen.

Der Roman ist genauso: ruhig und leise. Schwer, es zu beschreiben, aber am ehesten fällt mir dazu folgendes ein: die Geschichte von Jakob in Australien macht zwar keinen Druck im Sinne eines „Pageturners“, doch legt man das Buch für einen Moment zur Seite, dann bleibt es da nicht lange liegen – trotz aller „Beschaulichkeit“ ist es spannend und es gilt zu erfahren, wie Jakobs Reise voran geht und ob es Rettung für Ursula gibt.

Ein durchwegs positiver Roman, es gibt keine wirklichen Rückschläge, auch wenn natürlich nicht alles nur geradlinig verläuft. Jakob Walter ist ein Romanheld, ganz ohne Heldenmut und ganz ohne Anspruch auf Heldentum. In den Handlungsrahmen eingebettet sind noch viele kleine Erzählungen, jede für sich abgeschlossen, über Erlebnisse und Begegnungen auf Jakobs Reise.

Ein kleiner, feiner Roman über die Einfachheit, die Zuversicht und über den Glauben an das Bessere.



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