Edward St Aubyn: Dunbar und seine Töchter

verfasst am 13.01.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, St Aubyn, Edward

Der alte, einst mächtige Mann hat drei Töchter: Florence, die jüngste, die er verstoßen und enterbt hat, weil sie ihren eigenen Weg gehen wollte; Florence, die ihn trotzdem noch immer liebt. Und Abby und Megan, denen er sein Vermögen vermachte und nun die dabei sind, ihn abzuschieben und um jeden – wirklich jeden – Preis zu entmachten.

Der alte Mann ist Henry Dunbar, der ein riesiges Medienimperium erschaffen hat, das die ganze Welt umspannt. Viel Geld ist bei allem im Spiel, was er angreift. Henry Dunbar nahm auf seinem Weg zur Spitze auf nichts und niemanden Rücksicht und er erschuf dabei viel kleine Nachbildungen seiner selbst, die nun ihn selbst spüren lassen wie es ist, wenn man ohnmächtig den anderen ausgeliefert ist.

Dunbar flieht aus dem Sanatorium, in das ihn seine beiden Töchter mit Hilfe von Dunbars eigenem Arzt gesteckt haben. Hinter ihm her Abby und Megan, die rücksichtslos alles aus dem Weg räumen wollen, was verhindert, dass sie den verschwundenen Vater finden; der muss schnell gefunden werden, denn die beiden planen den Putsch im Aufsichtsrat des Konzerns – alle Macht an sich zu reißen und dann alles zu Geld machen.

Hinter ihm her ist auch Florence, die den Vater, der sie verstoßen hat, vor den gierigen und gewissenlosen Schwestern in Sicherheit bringen und ihm seine verlorene Macht zurückgeben möchte.

Die Hauptakteurinnen und Hauptakteure werden umschwirrt von wirklichen oder berechnenden Freunden, sie umgeben sich mit Bediensteten und Untergebenen, die sich allesamt für Intrigen und die Konstruktion hinterlistiger Fallen einspannen lassen müssen; oder auch ganz freiwillig, immer eine mögliche Belohnung vor Augen, mitmachen. Was freiwillig geschieht oder was nur unter Zwang zu erreichen ist, das ist meist nicht eindeutig festzustellen. Die Loyalitäten wechseln, Verrat liegt immer in der Luft.

Dunbars Flucht, die rücksichtlose Jagd nach ihm, auf die sich Abby und Megan begeben und die Rettungsaktion, die Florence startet: alles packt Edward St Aubyn in ein virtuoses und abschnittsweise grandioses sprachliches Abenteuer. Was davon an Shakespeares „King Lear“ angelehnt ist, kann ich nicht beurteilen, den habe ich nicht gelesen. Dieser Roman jedenfalls stellt, so die Information zum Buch, eine Neufassung des Klassikers dar, mit moderen Menschen und modernen Verhältnissen.

Unterstellen aber lässt sich sicher, dass Verrat und Intige an den alten Königshofen sich in vielfältiger Weise bis in die Gegenwart gehalten haben; nur dass eben die „Königshäuser“ heute anders aussehen und die Kämpfe mit Stimmanteilen und Aktienkäufen, statt mit Schwertern und Rittern ausgefochen werden.

„Dunbar und seine Töchter“ ist ein klassisches Drama, transferiert ins 21. Jahrhundert. Manchmal schreibt Edward St Aubyn seinen Protagonisten beinahe klassisch anmutende Monologe auf den Leib, manchmal liest man sich durch einen absolut moderen Roman. Es wechseln satirische Abschnitte mit tiefen Einblicken in die Gefühlswelt.

Auch wenn sich schon einiges an Spannung aus der Handlung des Romanes ergibt; die wirkliche Spannung schafft Edward St Aubyn aus dem Gegenspiel und Wechselspiel seiner Protagonisten, zwischen Grausamkeiten und Ängsten, zwischen Hinterlist und ehrlicher Zuwendung, zwischen Unsicherheit und Hochmut.

Ein Roman, der sichtlich nicht für eine große Lesegemeinde geschrieben wurde, Stil und Aufbereitung muss man mögen, man muss sich darauf einlassen wollen. Das wollte ich und das machte das Buch  für mich zu einem Erlebnis. Ich bin aber sicher, dass es sehr viele LeserInnen gibt, die nach der Lektüre zu einem weitaus weniger positiven Resumee kommen werden.



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