Buchbesprechung/Rezension:

Hari Kunzru: Blue Ruin

Blue Ruin
verfasst am 25.05.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Kunzru, Hari
Genre: Gesellschaftromane
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Ist das Vorhaben, Künstler zu werden, ein wirkliches Bedürfnis, ist es die Absicht, ohne Ziel und Verpflichtungen durchs Leben zu segeln oder fällt einem nichts Besseres ein?

Die Lebensgeschichte von Jay ist eine des Abstieges und des Ausstieges, es lässt sich nicht eindeutig festmachen, ob er aus der Kunstszene aussteigen wollte, oder ob diese ihn verstoßen hat. Jetzt, das ist eindeutig, lebt er von einem Tag auf den anderen, hat Gelegenheitsjobs und gerade jetzt wohnt er in seinem Auto.

Es ist die Zeit der Lockdowns, der Angst vor einem unbekannten Virus. Jay wurde aus seiner Wohngemeinschaft geworfen, als er selbst an dem Virus erkrankte. Statt im Krankenhaus zu liegen, schleppt er sich jetzt für seinen Job von einer Adresse zur anderen, um die Menschen, die sich nicht aus dem Haus wagen, mit Essen zu versorgen. Er ist am Ende seiner Kräfte.

Unerwartet und für Jay so unangenehm, dass er lieber unerkannt geblieben wäre: Er steht mit seinem schäbigen, alten Auto, im Kofferraum die bestellten Waren, auf diesem unglaublich beeindruckenden Anwesen und hat Alice vor sich. Jahrzehnte zuvor, damals in London, waren sie einige Jahre lang ein Paar. Ziellos, auf der Suche nach ihrem Lebensinhalt haben sie einander hinuntergezogen, einander Kraft gekostet und am Ende hat Alice ihn mit seinem besten Freund Rob verlassen.

Und jetzt steht er vor Alice und bietet einen bemitleidenswerten Anblick. Alice erkennt ihn, hinter seiner Maske kann er sich vor ihr nicht verstecken. Sie erkennt ihn und seine Notlage, sie bietet ihm, wenn sie das auch vor Rob, mit dem sie verheiratet ist, und ihren Freunden geheim bleiben muss, eine Unterkunft und versorgt ihm mit Essen. Zwischen Fieberträumen und Erinnerungen entdeckt Jay seine Vergangenheit wieder. Wie es war, wie sie die Kunstwelt aus den Angeln heben wollten, wie ihnen eine Zeit lang alles gelang und wie es zu Ende ging.

Bei den Protagonisten des Romanes mag vieles zugleich zutreffen, eines aber ganz sicher: ihre hochtrabenden Ziele, mit der eigenen Kunst die Welt zu bewegen, schlugen fehl. Alice, Rob und Joy waren auf der Suche nach dem, was sie außergewöhnlich machen sollte, wurden aber immer mehr zu klischeehaften Figuren. 

Bei vielen der beschriebenen Kunstwerke und Installationen ist mir nicht wirklich klar, ob Hari Kunzru sich diese als Parodie auf den Kunstbetrieb ausgedacht hat, oder ob es dazu Entsprechung in der Realität gibt. Was aber nach meinem Empfinden klar herauskommt, das ist die oft überhöhte Selbsteinschätzung der Künstler und die zugehörige Überinterpretation der Werke durch die Sammler und Käufer.

Ist es Kunst, nur weil es provoziert?
Diese Frage stelle ich mir bei vielen der Beispiele.

Nun ja, für die einen ist es Kunst, für die anderen Belanglosigkeit. Manche halten etwas für Kunst, um selbst interessanter zu wirken, andere verteufeln etwas mit der gleichen Motivation. Kurzum: kaum etwas ist so subjektiv und wechselhaft wie die Welt der Kunst. Nichts für labile Charaktere. Letztendlich ist alles nur Geschäft und wer von Kunst leben möchte, muss sich anpassen. Auch wenn das Ergebnis noch so absurd und seltsam sein mag.

Jays zufälliges Zusammentreffen mit Alice, Rob und zwei ihrer Freunde entwickelt sich zu einem Drama, dessen Hintergrund sich aus zwei Elementen zusammensetzt, die so ineinander fließen, dass man nicht mehr weiß, was Ursache und was Wirkung ist.

Das eine Element ist eingesperrt zu sein, mit Menschen an einem Ort zusammenleben zu müssen, ohne einander aus dem Weg gehen zu können, weil draußen eine unheimliche Krankheit wartet. Das andere ist die Erwartungshaltung, etwas Bedeutendes erschaffen zu müssen und das ewige Ertragen der Launen von denen, die den Ansprüchen nicht gerecht werden. Und der fehlende Mut und das Unvermögen, alles hinter sich zu lassen, und endlich etwas mit dem eigenen Leben anzufangen, mit dem man Zufriedenheit erreichen kann.

Ein entlarvender und pointierter (und zugleich ironisch witziger) Roman über das Zweifeln und Scheitern von Menschen, über das Leben zur Zeit der Corona-Pandemie genauso wie über die manchmal (oft?) zerstörende und verstörende Dynamik in der Welt der Kunstszene und der Künstlerinnen und Künstler. 




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