Edward St Aubyn: Der beste Roman des Jahres

verfasst am 03.09.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Satire, St Aubyn, Edward

Wenn schon auf der zweiten Seite von „mit den Genen der Giraffe gekreuzten Karotten“ die Rede ist, die eine „erhebliche Erleichtung für die viel beschäftigte Hausfrau sind, die nur noch eine einzige anstatt eines ganzen Bündels Karotten schälen muss“, dann kann es nur gut werden!

Der Inhalt ist sehr schnell beschrieben: Industrieunternehmen, um den eigenen guten Ruf und um das Vertuschen diverser (Umwelt)Vergehen bemüht, stiftet Literaturpreis. Eitle und selbstverliebte Literaturschaffende bewerben sich, jede/r davon zutiefest davon überzeugt, den Elysia-Preis zu verdienen.

Es ist ein unglaublich witziges Panoptikum, das St. Aubyn zusammengestellt hat: da ist, unter anderem, die alle Männer verschlingende Katherine Burns, die kurz vor ihrem Durchbruch als anerkannte Autorin steht. Oder der abgehobene, weltfremde Sonny, der sich nicht vorstellen kann, wie irgendein anderer Roman seinem eigenen Meisterwerk mit dem Titel“Maulbeerelefant“ den Preis entreissen könnte. All die Newcomer und die Routiniers auf der Seite der Bewerberinnen. Und natürlich der Verleger, der in überwältigender Art und Weise davon überzeugt ist, dass ohne sein Zutun ein Roman niemals erfolgreich sein könnte.

Und die Jury: die Selbstdarsteller, diejenigen, die an keinem geschriebenen Wort vorbei gehen können, ohne dieses unter pseudo-intellektuellen Ergüssen zu ersticken. So und nicht anders mag es bei den – immer zahlreicher werdenden – Literaturpreisen zugehen. (Und, ganz persönlich bemerkt: ein ganze Reihe von preisgekrönten Büchern entsprechen ganz genau der Beschreibung von völlig abgehobenen Schreibereien, wie sie in „Der beste Roman des Jahres“ nachzulesen sind – köstlich!).

Gemeinsam ist den Mitgliedern der Jury, dass sie sich weniger mit den zu bewertenden Romanen beschäftigen, sondern vorrangig mit ihrer eigenen Rolle.

Wenn St. Aubyn dann hin und wieder genau diesen Jargon in seinem Buch verwendet, dann grenzt das beinahe schon an die Quadratur des Kreises, dann schlägt er die, die er hier so geistig entblößt mit ihren eigenen Worten und bereitet mir als Leser ein unendliches Vergnügen.

Liest man sich durch bzw. blickt man über die Literaturwelt, dann wird man recht bald auf potentielle Vorlagen für die Charaktere in diesem Roman treffen. Ob der Autor sich tatsächlich an lebenden Beispielen aus dem Literaturbetrieb Anleihen genommen hat, das sei dahin gestellt. Dass er sie in der Charakterisierung aber punktgenau trifft, das ist deutlich zu sehen.

Abseits der inhaltlichen Höhepunkte war ich auch davon beeindruckt, wie es Edward St Aubyn spielend gelingt jede Gemütsregung, ja jede Bewegung mit wenigen Worten so zu präzise beschreiben, dass sie greifbar wird. 

Ich habe mich schon lange nicht mehr so köstlich beim Lesen amüsiert, fast kein Absatz steht in diesem Buch, bei dem nicht zumindest ein Schmunzeln angebracht ist, oft mehr.

Nur zwei Kleinigkeiten (wirklich ganz kleine) habe ich anzumerken: ein Personenverzeichnis wäre enorm hilfreich, denn die Liste der Protagonisten ist lang; einige Passagen hätte man auch einfach weglassen können, ohne dass es das Buch irgendwie bemerkt hätte.



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