Buchbesprechung/Rezension:

Antony Beevor: Russland
Revolution und Bürgerkrieg 1917-1921

Russland
verfasst am 05.06.2023 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Beevor, Antony, Geschichte
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Wenn ein Krieg eine Abfolge von Unmenschlichkeit und Gewalt ist, dann übersteigt ein Bürgerkrieg dieses Grauen noch um ein Vielfaches.

Wenn im Krieg Menschen unterschiedlicher Nationen gegeneinander gehetzt werden und man sie zuvor mit Propaganda aufgewiegelt hatte, so herrscht im Bürgerkrieg purer Hass und regiert pure Rache. Wie sonst könnte es gesehene, dass die Nachbarn von gestern die unerbittlichen Feinde von heute sind?

Die Geschichte der Russischen Revolution und des Russischen Bürgerkrieg 1917 – 1921 ist eine penibel recherchierte und mit vielen Details versetzte Chronik des Schreckens, anders lässt es sich kaum umfassend definieren.

Das Land, in dem die Menschen seit Jahrhunderten mit extremer Form des Feudalismus und der Leibeigenschaft unterdrückt wurden, explodierte förmlich in einer Gewaltorgie, als der 1. Weltkrieg und die daraus resultierenden Menschenopfer und Notlagen jedes erträgliche Maß überschritten.

Vielleicht gab es zu irgendeinem Zeitpunkt vorausdenkende Menschen, die sich so etwas wie Demokratie vorstellten, die wirklich daran glaubten, dass nach dem Ende der Zarenherrschaft das Volk über die Gesetze und die Regierung entscheiden würde. Doch Revolution in Russland bedeutete nur, dass ein autoritäres Regime durch ein anderes ersetzt werden sollte. Der Bürgerkrieg, der ausbrach, nachdem die Bolschewiki die Macht an sich gerissen hatten, drehte sich dann auch nur darum, welches Diktat am Ende siegen würde: das des Kommunismus oder eine wiedererrichtete Zarenherrschaft.

Was in einem Geschichtsbuch nicht oft vorkommt, das kann man hier erleben, wenn man über die unglaubliche Brutalität liest, mit der alle beteiligten Fraktionen vorgingen: Man empfindet reines Entsetzen. Wie Menschen gequält und getötet wurden, ohne dass es jemanden kümmerte, wie Mord und Totschlag alltäglich waren, das nachzulesen ist wirklich erschreckend.

Ein wesentlicher Aspekt jener Zeit sind auch die Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Gebiete, die über die Jahrhunderte von den Zaren annektiert worden waren. Finnland und die Baltischen Staaten erlangten, wenigstens teilweise und bekanntermaßen auch nur für kurze Zeit, die Unabhängigkeit und in der Ukraine stemmten sich viele gegen die neue Herrschaft der Bolschewisten. Damit waren diese Jahre für die Ukraine der Beginn einer Geschichte der Unterdrückung, die zunächst unter Stalin mit Millionen Toten einen Höhepunkt fand und sich in letztendlich bis heute, bis zu Putins Überfall auf die Ukraine fortsetzt.

Während die Revolution auch in unser in den Schulen vermitteltes Geschichtswissen einfließt, so ist mir der Bürgerkrieg in seinen vielen Details weitaus weniger geläufig. Russland in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war ein riesiges Land, in dem sich nicht nur innerrussische Gegner gegenüber standen, sondern auch ausländische Streitkräfte aktiv eingriffen. Deutschland, die Vereinigten Staaten, Großbritannien, Japan – alle versuchten sich in die Entscheidung über die zukünftige Staatsform einzumischen, um eigene Interessen zu sichern. Innerrussische Gegner, das waren nicht nur die “Roten” gegen die “Weißen”, es waren auch die moderaten gegen die extremen Linken und dann auch fundamentalistische gegen realpolitische Kommunisten.

Wie man weiß, endete das Morden aber nicht mit der Niederlage der Gegner des Bolschewisten, sondern ging weiter. Es geht weiter bis heute, auch wenn nicht mehr Millionen Menschen im eigenen Land ermordet werden, so bleibt es aber dabei, dass der jeweilige Machthaber im Kreml quasi nach Belieben die Anweisung zur Ermordung oder zumindest zur Inhaftierung seiner Gegner gibt.

Abseits aller Details, die im Buch nachzulesen sind, ergibt sich daraus ein Bild eines Landes, das niemals gelernt hat, mit Demokratie zu leben. Russland, das hieß und heißt, dass eine Gewaltherrschaft der anderen folgt, die Namen der Diktatoren und die Methoden ändern sich, die Unterdrückung bleibt.

So grausam alles das ist, was es über die Jahre 1917 – 1921 zu berichten gibt, so wenig kann man aber dieses Buch beiseitelegen.

Antony Beaver stützt sich auf hunderte Quellen, wenn er den Fortgang der Ereignisse bis ins kleinste Detail schildert. Er schafft es dabei in bemerkenswerter Weise, Gesichtswissen mit Dramatik zu verbinden. Damit lässt er diese, wenn auch kurze, sehr bedeutende Zeitspanne quasi lebendig werden – wenn man das Wort “lebendig” für die Phase der schier uneingeschränkten Gewalt überhaupt verwenden kann.

Historische Fakten sind das eine, die Betrachtung der Abgründe des Charakters von Menschen ist das andere. Das ist der zweite, wohl genauso wichtige Aspekt dieses Buches: wozu Menschen fähig sind, wenn sie aufgehetzt werden und sich aufhetzen lassen.

Dass das, was man in diesem Buch liest, nicht reine Vergangenheit, sondern nur eine von vielen Vorstufen zur Gegenwart ist, das müssen heute, mehr als hundert Jahre nach den beschriebenen Vorgängen, die Menschen in der Ukraine täglich am eigenen Leib erfahren und davon müssen wir jeden Tag in den Nachrichten hören. Dass nämlich wieder ein Diktator im Kreml ohne Rücksicht auf Menschenleben seine Machtfantasien auslebt.




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