Alexander Lernet-Holenia: Strahlenheim

Diese Erzählung lebt von den Gegensätzen. Das ist einerseits das, was über das Jahr 1917 wissen und darüber, was in den folgenden Jahren geschah. Andererseits die Schilderung des Lebens im Jahr 1917, das sich noch in der alten Zeit abspielte, aber bereits dem Untergang geweiht war.

Als Lernet-Holenia “Strahlenheim” schrieb, geschah das aus seiner Perspektive des Rückblicks und sicherlich auch aus den Eindrücken, die das Jahr 1938 gerade hinterließ – wieder ein Jahr, in dem eine Welt unterging.

1917 an einem See im Salzkammergut. Der Leutnant Strahlenheim verbringt nach einer Erkrankung den Sommer bei seiner Schwester. In einem nicht genannten Ort am See verlebt die Gesellschaft die Sommerfrische. Beinahe so, wie man es jahrzehntelang unbeschwert getan hat.

Nur der Amerikaner, der als “feindlicher” Ausländer die Gegend nicht verlassen darf, erinnert an den Krieg, der hunderte Kilometer entfernt unentwegt an der alten Weltordnung nagt. Der Zusammenbruch ist zugleich unendlich weit weg, wie schon in jedem Winkel spürbar.

Lernet-Holenia (es ist dies das erste seiner Werke, das ich lese) schreibt in einem kühlen, beinahe lakonischen Stil. Schnörkellos und leicht bildet er Sätze aus dem Geschehen und den Gedanken der Menschen. So entsteht eine Szenerie, die man sich wahrhaft bildlich vorstellen kann: wie sie alle, wie in einer nicht ausgesprochenen Verschwörung, daran arbeiten, nichts vom fernen  Lärm des Schlachtgetümmels und von den unaufhaltsamen Veränderungen in ihr Leben zu lassen.

Schlippe, der Amerikaner, überlebte den Untergang eines Ozeanriesen und andere beinahe fatale Situationen. Dem Unwetter, der während einer Segelregatta von den Bergen auf den See fällt, kann er dann aber nicht entkommen, er ertrinkt im See. Mit ihm, der den Versuch unternehmen wollte, einen Ausgleich zwischen den Kriegsgegnern zu suchen, stirbt auch eine letzte Hoffnung auf ein gutes Ende. Die Männer werden durch Marschbefehle an die Front aus der Idylle gerissen. Ihre Welt hat nicht mehr lange zu leben.

Es ist viel Raum für eigene Vorstellung und eigene Ideen in dieser Erzählung: die Sagenwelt, der alten Aberglauben und die oftmals mystische Atmosphäre der Landschaft vermengen sich mit dem Abgesang auf die Monarchie, die alten Werte und die unerschütterlichen Traditionen.

Ich bin ein Fan solcher Geschichten, die nicht nur etwas erzählen sondern ebenso die eigene Fantasie beflügeln und fühlte mich daher in und mit  “Strahlenheim” außerordentlich wohl.


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