Alexander Lernet-Holenia: Der Baron Bagge

Das Jahr 1915, die Front im Osten. Baron Bagge ist Leutnant einer Reiterschwadron, steht unter dem Kommando des Rittmeisters Semler. Der Auftrag lautet, die Region in den Karpaten zu erkunden, herauszufinden, wo der Feind steht. Der Aufbruch der Truppe ist der Aufbruch in ein, in jeder Beziehung, unbekanntes Land.

Doch zuerst zurück zum Anfang, viele Jahre nach dem Krieg. Es sorgt für Verwunderung, als der Baron von Bagge, Gutsbesitzer aus Kärnten, bei einer Gesellschaft beschuldigt wird, zwei Frauen auf dem Gewissen zu haben. Das nimmt Bagge zum Anlass, um seinem Bekannten die ganze Geschichte dazu zu erzählen; wie es dazu kam, dass er gar nicht anders konnte, als die Avancen dieser beiden Frauen zurück zu weisen.

Vom Lager in der Nähe der ostungarischen Stadt Tokaj bricht die Schwadron auf. Semler ist unbeirrt entschlossen, ein Gefecht auszutragen, obwohl dies gar nicht sein Auftrag ist. So galoppiert er wild voran, die ganze Truppe hinterher, als sie sich einer Brücke nähern, die von den Russen stark besetzt ist. Trotz aller Warnungen seiner Untergebenen, darunter Bagge, gibt der Rittmeister den Befehl zum Angriff.

Es grenzt an ein Wunder, dass die Attacke gelingt, die Verluste sind gering. Ein Teil der Truppe wird mit den Verwundeten und Gefangenen zurück ins Armeelager geschickt, der Rest reitet weiter. Die Gegend scheint ruhig, je weiter sie in Richtung der erwarteten Stellungen des Feindes vordringen, desto ruhiger wird es. Endlich gelangen sie zum Ort Nagy-Mihaly, der in Bagges Erinnerung eine Rolle spielt. Seine Mutter erzählte Bagge von diesem Ort, von ihren Freunden, der Familie Szent-Kiraly und von deren Tochter Charlotte, die doch die perfekte Frau für ihren Sohn wäre.

Und so kommt es: Bagge und Charlotte verlieben sich ineinander. Schon nach ein paar Tagen wird Hochzeit gefeiert, denn Semler hat den Aufbruch befohlen, um endlich den Feind zu finden.

Als die Truppe erneut an eine Brücke gelangt, vermengen sich die Schauplätze miteinandern, Realität wird zur Phantasie, hinter der sich eine ganz andere Wirklichkeit zeigt.

Es ist eine unwiderstehliche Art und Weise, mit der Lernet-Holenia seinen Baron Bagge vom Krieg und von dieser seltsamen Reise hinter die feindlichen Linien erzählen lässt, wie imm Rausch erzählt Bagge und davon wird man beim Lesen unweigerlich mitgezogen.

Es gibt so viele andere großartige Romane, die vom Schrecken in den Schützengräben des 1. Weltkrieges berichten, davon, wie tausende Männer in Minuten niedergemetzelt wurde. In “Der Baron Bagge” erzählt Lernet-Holenia hingegen aus der Sicht eines Soldaten an der Front, der eine ganze Welt im Traum erlebt, während er mit dem Tode ringt – ohnen es zu wissen. Es ist wie eine Flucht aus der blutdurchtränken Wirklichkeit, um ein Leben zu leben, das fern von Tod und Vernichtung seinen stattfindet.

Denn die Wahrheit ist, dass die erste Attacke an der Brücke misslang. Fast alle Männer wurden getötet, Bagge überlebte nur knapp. Und wie er im Lazarett lag und um sein Leben kämpfte, erlebte er die Tage der Ruhe und der Verliebtheit nur in seinen Gedanken. Er tat es so intensiv, denn er hatte in seiner Phantasie die Frau seines Lebens gefunden, sodass er im wirklichen Leben danach keine Liebe mehr für eine andere empfinden konnte.

Ein unglaubliches und unglaublich beeindruckendes Werk, das auf weniger als 100 Seiten so ungemein viel von jener Zeit enthüllt.


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