Cay Rademacher: Der Schieber

verfasst am 09.05.2014 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Rademacher, Cay

Es ist weit weniger ein Kriminalroman als ein Roman über das Leben nach dem Krieg. Menschen, die inmitten von Trümmern versuchen zu überleben und beinahe alles tun, um zu Geld, zu Essen, zu einem Dach über dem Kopf zu kommen. Entwurzelte und Überlebende des Krieges, den ihr Land und ihr Führer in die Welt getragen haben.

Wen kümmert in einer solchen Zeit ein Toter mehr? Jeden Tag sterben Menschen an Hunger, an Krankheiten; was macht es da für einen Unterschied, wenn hie und da einer gewaltsam um Leben kommt.

Im Jahr 1947 befindet sich Hamburg noch am Boden, doch einige Institutionen und Menschen arbeiten daran, eine geordnete, zivilisierte Welt zu schaffen. Die Polizei muss mit wenig bis gar keinen Hilfsmitteln auskommen, was Männer wie Oberinspektor Frank Stave aber mit umso mehr Engagement wett machen wollen.

In einer zerbombten Werft wird die Leiche eines ermordeten Jungen gefunden. Einer, der – wie sich heraus stellt – mit Schwarzmarkthandel, Kohlediebstahl und Schiebereien seinen Lebensunterhalt verdiente. Stave findet mühevoll Hinweise, Spuren, erfährt stückweise etwas über das Leben des Jungen und seine Kontakte. Doch zu einem konkreten Verdacht reicht es nicht, außer dem, dass der Junge möglicherweise Opfer anderer Schwarzmarkthändler wurde. Aber selbst das ist nur eine Vermutung.

Stave wühlt sich durch eine Stadt, in der Flüchtlinge und Obdachlose eine anonyme Masse bilden. Es scheint beinahe unmöglich, unter solchen Bedingungen einen einzelnen Mörder zu finden.

Ungemein dicht und plastisch schildert Cay Rademacher wie es damals war: im Hamburg des Jahres 1947. Die Folgen des Krieges sind noch genauso sichtbar wie an dem Tag, als der Frieden begann, zwei Jahr zuvor. Trümmer wohin man blickt, Armut und Hunger. Es ist kaum zu glauben, dass in den folgenden Jahren aus diesem Endzeit-Szenario neues Leben, neue Hoffnung und Optimismus entstehen konnten.

Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Noch sind viele nicht aus dem Krieg heimgekehrt, noch weiß man von vielen nicht, ob sie überhaupt noch am Leben sind.

Stave selbst teilt das Schicksal vieler: seine Frau starb in einer Bombennacht, sein Sohn Karl wurde in der Hitlerjugend einer Gehirnwäsche unterzogen und zum fanatischen Jünger der Nazis. Aus dem Krieg ist er noch nicht heimgekehrt, dem Einsatz an der Ostfront folgte russische Gefangenschaft – aber wenigstens lebt er noch.  Staves Haus wurde zerbombt, nun lebt er in einer verfallenen Wohnung, isst die kargen Rationen, die man mit den Lebensmittelmarken bekommen kann, würgt Kaffeeersatz und schal schmeckende Wasser aus den maroden Leitungen hinunter.

Von der Mehrheit unterscheidet ihn, dass er nie einer der Parteigänger der Nazis war, was ihm nun, unter der Verwaltung der Engländer, ermöglicht, bei der Kriminalpolizei zu arbeiten (denn noch wurden die ganzen alten Nazis im Gefolge des Kalten Krieges nicht samt und sonders rehabilitiert).

Bei der unwahrscheinlich real wirkenden Beschreibung aller dieser Lebensumstände tritt der Kriminalfall in den Hintergrund. Um ehrlich zu sein, diesen Teil des Buches finde ich wenig berauschend. Die Bilder der zerstörten Stadt Hamburg und die so eindringlich erzählten Schicksale der Überlebenden sind das eigentliche Thema des Buches – und dieser Teil des Buches ist beeindruckend.

Es bleibt ein tiefer Eindruck über diese Zeit.
Ein tolles Buch.



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