Cay Rademacher : Der Trümmermörder

verfasst am 17.11.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Rademacher, Cay

Der TrümmermörderAls wäre es ein anderes Universum: Trümmer, wo immer man hinblickt, ausgebrannte Ruinen, zerborstene Fenster, ausgemergelte Menschen in Lumpen gekleidet, auf der Suche nach einem wärmenden Platz in der klirrenden Kälte. Was aussieht wie die Szenerie aus einem Endzeit-Thriller ist die Realität des Winters 1946/1947. Die Städte in Deutschland im zweiten Jahr nach dem Ende des Krieges sind noch immer duchzogen von Zerstörung und die Menschen leben ein Leben voller Entbehrung und des Hungers.

Verbrechen sind in einer solchen Szenerie normal, der Schwarzhandel und die Not der Menschen sorgen dafür. Dabei leidet die Polizei noch immer an den Nachwirkungen der Nazizeit: viele der früheren Polizisten waren willige und fanatische Gefolgsleute Hilters und Himmlers und wurden von der britischen Besatzungsmacht aus dem Polizeidienst entfernt. Abseits davon aber ist alles noch durchdrungen vom Vermächtnis der Nazizeit, alte Parteigenossen, die es sich in der neuen Zeit einrichten konnten, leben Tür an Tür mit ihren früheren Opfern.

Erst langsam entsteht wieder eine Organisation, in der sich unbelastete Beamte und neu Hinzugekommene durch die Fälle arbeiten. Oberinspektor Stave ist einer von denen, die von den Briten als zuverlässig eingestuft wurde.

Als die nackte Leiche einer Frau gefunden wird, sorgt diese Tat für gehörigen Aufruhr in der Behörde; dies ist augenscheinlich keines der üblichen Verbrechen.

Stave erhält Unterstützung von Lothar Maschke, einem Kollegen aus dem Sittendezernat und Lieutenant MacDonald, einem Verbindungsoffizier der Briten. Was er zuerst nur widerwillig zur Kenntnis nimmt, beginnt er schon bald als gewaltige Erleichtung seiner Arbeit zu mögen: denn der britische Lieutenant hat Zugriff auf die Ressourcen der Militärbehörde.

Wie sehr die Annahme, dass sich die Polizei hier mit einem Serientäter konfrontiert sieht, der Wahrheit entspricht stellt sich schnell heraus: weitere Leichen werden gefunden, doch die Hoffnung, damit aufschlussreiche Hinweise zu finden, erfüllt sich für Stave nicht.

Es beeindruckt, wie Cay Rademacher diese Zeit und die damaligen Lebensumstände beschreiben kann. Obwohl selbst erst im Jahr 1965 geboren, lässt er diese für uns so völlig fremdartig erscheinende Welt der Nachkriegszeit entstehen, als hätte er sie selbst erlebt – und es wirkt, als würde man es beim Lesen selbst erleben.

Als einzigen, wenn auch sehr kleinen, Kritikpunkt muss ich aber die zeitweise etwas zu ausführlichen Beschreibungen anbringen. Das lässt gelegentlich den ansonsten unbremsbaren Lesefluss sich etwas verlangsamen.

Insgesamt: es treffen diese großartige Zeit-Schilderung, die Charakterisierung der Menschen, mit der die Handlung wahrhaft zum Leben erwacht und die spannend konstruierte Krimihandlung kongenial zusammen und vermengen sich zu einem wirklich tollen Roman (der überdies noch auf wahren Begebenheit beruht: der Fall des Trümmermörders wurde in der Realität niemals geklärt).

Der Startschuss zur Krimireihe rund um Oberinspektor Stave verspricht schon viel, was die Folgeromane halten werden.

Historische Hintergründe


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