Erich Kästner: Der kleine Grenzverkehr
oder Georg und die Zwischenfälle

verfasst am 27.11.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kästner, Erich, Romane

Ein Buch, das zwei Zeitalter umspannt: im ersten Zeitalter, in dem Kästner diese kleine Geschichte schrieb, gab es bei Salzburg eine Grenze zu Deutschland. Im zweiten Zeitalter, als dieses Buch erschien, hatte sich diese Grenze unter dem “Heim ins Reich”-Jubel der Österreicherinnen und Österreicher geöffnet und aus Österreich war die Ostmark geworden. Dazwischen lang nicht einmal ein Jahr.

Diese Geschichte spielt also zu einer Zeit, da war Deutschland schon stramm rechts ausgerichtet und in Österreich versuchte sich eine ebenso rechts ausgerichtete Regierung unter Kurt Schuschnigg gegen die Vereinnahmung durch Hitlerdeutschland zu wehren.  All diese Wirren konnten aber nicht verhindern, dass in Salzburg die Festspiele über die Bühne(n) gingen. Und just dorthin wird Georg, Schriftsteller aus Berlin, eingeladen.

Die Blockadepolitik der Nazis machte es aber für einen Bürger des Deustchen Reiches gar nicht so leicht, so mir nichts dir nichts ins Nachbarland zu reisen. Da gab es den Pass und die Reiseerlaubnis zu organisieren. Als größte Hürde aber erwies sich die 10 Reichsmark Devisengrenze: mehr wollte das Regime den Deutschen nicht an mitgeführten Barmitteln zugestehen, wenn sie denn schon unbedingt nach Österreich ausreisen wollten. Wo käme man denn hin, wenn die braven Deutschen diesen Österreichern auch noch das Geld ins Land brächten.

Georg indes erhält den Rat, sich doch im nahe gelegenen Bad Reichenhall einzuquartieren und von dort aus – mit dem Bus kaum mehr als 30 Minuten Fahrzeit – jeden Tag in die Festspielstadt zu reisen. So also kommt Georg in den Genuß des Besuches der Festspiele und genießt die Einladung zu zahlreichen Aufführungen.

Als er Karl, seinen Gönner und Freund, eines Tages bei einem Treffpunkt im Kaffeehaus Glockenspiel in Salzburg verpasst, bringt ihn das Schicksal statt dessen mit einer wundervollen Frau zusammen: Konstanze heisst sie und seine Liebe zu ihr ist augenblicklich entflammt.

Keine spaßigen Umstände, in denen die nun aufkeimende Liebesgeschichte entsteht. Erich Kästner indes verkleidet die Absurdität und Bedrohlichkeit der politischen Verhältnisse in Ironie und Humor. Er macht, mit beeindruckender Leichtigkeit, aus der immer dunkler werdenden Zeit mit Augenzwinkern eine liebenswerte Episode.

Wenn er dabei die Zeitumstände mit Humor betrachtet und beschreibt, so weiss und versteht man doch, wie er dazu in Opposition steht und versucht, seinen Leserinnen und Lesern Warnungen zuzurufen. Durch die Blume, aber klar und eindeutig.

Dass sich darin dann auch noch eine so reizende Liebesgeschichte, die einige Überraschungen in sich birgt, versteckt, macht aus diesem kleinen Roman sowohl ein Zeitdokument als auch eine leicht und mit wachsendem Vergnügen zu lesende Romanze. Ich hab sie quasi in einem einzigen Atemzug verschlungen.


Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top