Karim El-Gawhary: Frauenpower auf Arabisch
Jenseits von Klischee und Kopftuchdebatte

verfasst am 11.09.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: El-Gawhary, Karim, Zeitgeschichte

Frauenpower auf ArabischZu Beginn muss man erst einmal definieren, um welches Thema es in diesem Buch geht. Es geht nicht um die Rolle der Frauen in islamischen Staaten insgesamt; es geht um die Beschreibung von Lebenswegen und -schicksalen einzelner Frauen.  Manche sind erfolgreich in Männerdomänen eingebrochen, manche scheiterten an der männerdominierten Welt, manche ergaben sich in ihr Schicksal.

Karim El-Gawhary wurde in den vergangen 2-3 Jahren wohl zum meist gesehen und gehörten Auslandskorrespondenten im österreichischen Fernsehen. Als Sohn eines Ägypters versteht er die Welt Ägyptens und ist immer so nahe wie möglich an den Brennpunkten des Nahen Ostens. El-Gawhary hat mit seinen Reportagen das Ohr der ÖsterreicherInnen; und er prägt damit das Bild, das wir von den seit 2 Jahren andauernden Revolutionen, dem „Arabischen Frühling“,  und Gewaltausbrüchen in so vielen Ländern der Region haben.

Dieses Buch ist eine Reportage.

Es liefert nur am Rande auch Emotionen mit, es bewertet nicht, es wägt nicht ab, es beschreibt nur. Sein Inhalt sind Kurzbiografien von Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Womit gleich ein Klischee ad Absurdum geführt wird: dass es „Die Frau im Islam“ gibt, eine uniforme Masse an Menschen, die allesamt die gleichen Rollen spielen.

Sie sind so unterschiedlich wie in jedem anderen Teil der Welt auch, werden aber von Traditionen, Vorurteilen und Unterdrückung alle in ein einziges Schema gepresst. Unser Bild vom Islam verwehrt uns dabei zumeist den Blick auf Individuen. Das liegt aber sicher auch daran, dass diese Staaten ausschließlich von Männern repräsentiert werden, dass Politik, Kultur, Wissenschaft – jedenfalls nach meinem Wissensstand – zu 100% in der Hand von Männern sind (die letzte Frau in einer führenden Position in einem islamischen Land war m.A. Benazir Bhutto in Pakistan) 

Die Kurzbiografien erklären natürlich auch das Umfeld, in dem diese Frauen sich, wenn auch oft nur für eine bestimmte Zeit, durchsetzten konnten. Es bewertet jedoch nicht die Rolle der Frauen insgesamt. Auch wenn dieses Wort im Zusammenhang mit Menschen wahrscheinlich nicht angebracht ist, so möchte ich dabei doch vom „Stellenwert der Frauen“ in islamischen Ländern sprechen. Und diesem Wort das Attribut „untergeordnet“ zur Seite stellen: so ist die Rolle, die die Mehrzahl der Männern den Frauen zugestehen. 

Es ist natürlich bewundernswert, wenn es Frauen endlich gelungen ist, in Männerdomänen einzubrechen (Zwischenruf: „in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens ist doch praktisch alles eine Männdomäne!“). Doch wenn Taxilenkerinnen in Kairo vorrangig weibliche Fahrgäste befördern, weil diese nämlich ansonsten von den männlichen Taxilenkern regelmäßig belästigt werden, dann interessiert doch auch, was die Gesellschaft gegen diese Auswüchse unternimmt.

Es beeindruckt, wenn erstmals eine Frau in das oberste Richtergremium Ägyptens berufen wird. Wenn die männlichen Richter aber bei erster Gelegenheit diese Frau wieder vor die Türe setzten, dann fragt man sich, wohin das Land gehen wird, wenn die „Repräsentantin“ der Hälfte der Bevölkerung aus einem vitalen Bereich des Staates einfach so entfernt werden kann.

Es nötigt Respekt ab, wenn eine Frau im Jemen als Fotografin unterwegs ist. Dass sie dies aber nur voll verschleiert tun kann und dann doch angegafft wird, nur weil sie eine Kamera trägt, dann frage ich mich, in welcher längst vergangenen Zeit eine solche Gesellschaft noch immer lebt.

Und wenn eine Mutter ihren Sohn in einen heiligen Krieg gegen Ungläubige ziehen lassen muss, wenn sie weiß, dass er nie wieder zurück kommen wird, sie aber nichts dagegen tun kann, dann wird klar, dass es sehr lange dauern wird, diese archaischen Ansichten über Gewalt, Aberglauben und Männlicheitswahn aufzubrechen.

Vier Bespiele, einige mehr findet man im Buch. El-Gawhary beschreibt, aber er bewertet nicht. Er arbeitet journalistisch auf, aber er kommentiert nicht. Und bleibt damit ein ganzen Sück weit vor dem stehen, was für mich die eigentlich bewegende Frage wäre: wohin entwickeln sich Männer und Frauen im Islam, wie kann ein Weg in eine moralische, gesellschaftliche um menschliche Gleichstellung von Frauen und Männern aussehen.

Im Nachwort „Der Schlüssel für den Erfolg der Arabischen Revolution ist weiblich“ fasst El-Gwahary einige Fakten aus diesem institutionalisierten Unrecht zusammen. Und am Ende hatte ich ein Gefühl nur die erste Hälfte eines Buches gelesen zu haben. Das ist nicht Schuld des Autor – die Geschichte ist einfach noch nicht zu Ende.

Und nun warte ich sehnsüchtig auf einen zweiten Teil: ein Fortsetzung, in der Karim El-Gawhary dann endlich über sichtbare, dauerhafte Fortschritte schreiben kann, anstatt wie bisher nur um einzelne, oft vergebliche Versuche.


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