Julian Barnes: Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Kapiteln

verfasst am 20.08.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Barnes, Julian, Romane

„Die Arche Noah: wie ein Zeitzeuge alles erlebte“ wäre ein passender Untertitel und würde schon viel über den Inhalt verraten.  Julian Barnes hat es mit diesem Buch – unter anderem – auf sich genommen, die wahre Geschichte der Arche und Noahs zu erzählen. Nichts weniger, als den Ursprung vieler Erkenntnisse, Mythen und Weiheiten zu enthüllen. Das gelingt ihm großartig amüsant und erhellend zugleich in der Geschichte mit dem Titel Der Blinde Passsagier.

Dies ist aber nur das erste Kapitel, weitere, die sich jeweils eines kleinen Abschnittes der Geschichte annehmen, folgen. In welcher Form auch immer, handeln die kurzen Geschichten von „Archen“ in unterschiedlichen Zeitaltern, die dieses oder jenes über die Fluten letztendlich an sicheres Land bringen konnten. Falls da dann zufällig auch jemand mit Namen „Noah“ dabei war: umso besser.

In Die Besucher geht es um die Jahre (die 1970er und 1980er), als Flugzeug- und Schiffsentführungen an der Tagesordnung waren. Mogadischu (1977), Archille Lauro (1985) oder Entebbe (1976)  sind ein paar Stichworte dazu für alle, die sich erinnern können oder nachschlagen wollen.

Was der Kalte Krieg und Rentiere miteinander zu tun haben und was die Gewissheit, dass das Ende der Welt bevorsteht, bewirken kann enthüllt Die Überlebende.

Dass sich das Unglück anderer vortrefflich als Vorlage für Maler, Schriftsteller, Reporter eignet ist keine Errungenschaft unserer Zeit. Und auch die Manipulation der Massen mit Hilfe der Medien haben nicht wir erfunden. Wie eine Begebenheit aus dem Jahr 1817 und ein Gemälde aus dem Jahr 1819 das alles eindrucksvoll belegen, erzählt Schiffbruch. Einschließlich einer sehr gelungenen Analyse der Details des Bildes und eines detailreichen Berichtes darüber, wie es entstand und was es bewirkte (Kann sich jemand an „100 Meisterwerke“ erinnern? So in dieser Art!). Eine andere Version des Themas liest man in Der Berg.

Das ganze Buch ist wie eine Märchenstunde für Erwachsene; damit die Ereignisse dahinter nicht ganz so brutal wirken. Hätte Barnes „Es war einmal“ als Einleitung für jede der Kurzgeschichten genommen, man würde es als völlig angebracht empfinden.

Jede der Geschichten lässt sich wunderbar einzeln lesen. Man kann sich also ein paar hintereinander oder nur eine vornehmen, zwischendurch pausieren, vielleicht etwas anderes lesen und ist dann doch mit dem ersten Satz der nächsten Geschichte gleich wieder gefangen. Das heisst aber nicht, dass die Kapitel durchwegs das Prädikat ausgezeichnet verdienen.

Dabei gibt es durchaus Unterschiede, es bleibt genügend Raum für ein individuelles Ranking. Mein Ranking verrate ich nicht; jedenfalls aber reicht es wegen der sehr unterschiedlichen Qualität (von „na ja“ bis „toll“) nicht für die maximalen 5 sondern nur für 4 Punkte für das gesamte Buch.

Es sind Märchen, in denen Geistvolles sprachlich brilliant aufbereitet ist. Und wie so oft, enthüllt die Märchenform mehr über die wirklichen Ereignisse als eine Schilderung der historischen Tatsachen.


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