Erich Kästner: Notabene 45
Ein Tagebuch

verfasst am 07.08.2013 von | 1 Kommentar
Rubriken: Kästner, Erich, Zeitgeschichte

Notabene 45Es ist völlig anders: Ereignisse, historische Fakten, über die man Bücher gelesen oder Dokumentationen gesehen hat. Die Sicht wird dabei immer eine von ausserhalb sein. Und nun aus dem Munde, aus der Feder von Erich Kästner genau diese Ereignisse und Fakten gewissermaßen aus der Innenansicht zu erfahren, ergänzt um das eigene Schicksal, unterlegt mit den eigenen Gedanken.

Das ergibt ein Dokument, das so viel mehr über diese Monate im Jahr 1945 aussagt als jeder Bericht, der später erstellt wurde.

Erich Kästner hat für dieses Buch seine Tagebuchaufzeichnungen quasi ins Reine geschrieben (man kennt das ja: was schnell notiert wird, mag für andere kaum verständlich oder lesbar sein). Die Zeit von Februar bis August 1945, als zuerst noch der Naziterror immer gewalttätiger und wahsinniger wurde und als dann mit dem Einmarsch der Alliierten mit einem Mal die Angst vorüber war.

Kästner erzählt über sich, seine Familie. Wie er zunächst in Berlin nicht nur die Bomben der Amerikaner und Engländer fürchten musste, sondern als Schriftsteller auf der Schwarzen Liste ständig die Verhaftung oder Zwangsrekrutierung zu einem der Himmelfahrtskommandos, die sich die Nazis in den letzten Kriegsmonaten für die noch Lebenden ausdachten. Er erzählt, wie in all der Angst und Verwüstung die Bürokratie unbeirrt nach ihren Vorschriften weiter agierte.

Und er erzählt über die Nachrichten, die hereinkamen: den Kriegsverlauf und wie die Menschen lernten, die Propaganda-Meldungen richtig zu verstehen. Über die dummen, hassgeladenen Parolen, die Hitler, Goebbels und Konsorten bis zuletzt verbreiteten. Darüber dass die Menschen gar nicht mehr die Kraft hatten, gegen die Tyrannen aufzutreten obwohl sie endlich begannen zu verstehen, wie sehr sie alle in die Irre geleitet waren. Weil sie mit dem Kampf um ihr eigenes Überleben vollends ausgelastet waren und weil Gestapo und SS selbst in der Gewissheit der Niederlage nicht aufhörten, die „Verräter“ in der Bevölkerung zu holen und zu ermorden konnten sie meist nichts anderes mehr tun, als das Ende abzuwarten.

Und dann kapitulierte der Krieg, der Frieden übernahm und die große Zeit der Wendehälse brach an. Die Zeit derer, die nie wirklich mit dem Herzen dabei gewesen wäre, die heimlich einem Juden/einer Jüdin geholfen hätten.  Sie meldeten sich viel lauter als jene, die wirklich dagegen waren und wirklich halfen wo es ging. Man kennt das ja.

Es finden sich ungemein viele, sehr bemerkenswerte Passagen in diesem Tagebuch, die unendlich viel über das Befinden der Menschen enthüllen. Der Fatalismus, dass man es ja nicht ändern könne, dass aber bald alles überstanden sein, führt zu berührenden, zu komischen, zu überraschenden Momenten.

Da die Mehrheit der heute in Mitteleuropa lebenden Menschen mit dem, was hinter dem Begriff Krieg und seinen Auswirkungen auf die/den Einzelnen steht, rein gar nichts verbinden kann, sind wir auf Bücher und Filme darüber angewiesen. Oft finden sich darin die Berichte von Zeitzeugen, die Jahrzehnte danach über ihr Schicksal befragt wurden.

Diese Erinnerungen sind schon bestürzend und berührend; dann dieses Tagebuch zu lesen, übertrifft jedoch alles, was ich bislang über jene Zeit erfahren habe. Diesmal konnte ich beinahe körperlich fühlen, wie es war. Kästner schrieb und wir verstehen diese Zeit ein Stück besser als vorher. Das ist enorm beeindruckend und wird noch lange nachhallen.


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  • Kommentar von  Gerd Brunner am 03.09.2015 um 08:02 Uhr Uhr

    Anton Schmid Promenade in Wien am Donaukanal
    als Zeichen der Erinnerung

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