Erich Kästner: Die Schule der Diktatoren

verfasst am 27.07.2013 von | 1 Kommentar
Rubriken: Drama, Kästner, Erich

Die Schule der DiktatorenZwanzig Jahre dauerte es, um aus der Idee dieses Theaterstück zu machen. 1936 war der Anfang, 1956 die Realisierung beendet und im März 1957 schon die Uraufführung in den Münchner Kammerspielen. Kästner schrieb ein Stück zwischen Komödie und Satire, zwischen Lachen und Weinen, zwischen Hoffnung und Scheitern. Womit Erich Kästner zugleich auch diese 20-Jahres-Zeitspanne, die Wahnsinn, Untergang und Neubeginn über das Land und die Welt brachte, zusammen fasste.

Im Hintergrund stehen die, die die Fäden ziehen. In den Vordergrund platzieren sie austauschbare Figuren, die nach Belieben ersetzt werden können, wenn sie ihre Aufgabe nicht mehr zur Zufriedenheit erfüllen. Und für den Nachschub an solchen Galionsfiguren sorgt eine eigens dafür eingerichtete Lehranstalt, damit dem Volk immer wieder aufs neue das ewig Gleiche vor die Nase gesetzt werden kann; „Die Schule der Diktatoren“.

So lässt sich das Konzept mit wenigen Worten beschreiben.

Kriegsminister, Premierminister und Leibarzt: das sind die Mächtigen im Hintergrund. Der Präsident, der gerade per Akklamation zum Präsidenten auf Lebenszeit erhoben wurde, das ist die Marionette. Seine Frau und sein Sohn hingegen, die sind noch die Originale, quasi Erbstücke des ersten, des Original-Präsidenten, der leider bei einem Bombenattentat den Kopf verlor. Diese beiden spielen bei der Charade notgedrungen, jedoch nicht freudig mit; dass sein Präsident schon gar nicht mehr der richtige ist, davon aber hat das Volk nichts mitbekommen.

Ab nun werden die wahren Herrscher das Land für immer regieren, still und heimlich im Schatten des zum Diktator aufgestiegenen Präsidenten agierend.

Für kontinuierlichen Nachschub sorgt der Professor, der in seiner Schule immer mehrere potentielle Nachfolger zur Verfügung hat, sollte ein Präsident überraschend dahinscheiden. Wofür es mannigfaltige Gründe geben kann, die meisten davon in der Unzufriedenheit der heimlichen Herrscher mit der jeweiligen Marionette.

Dieser regelmäßige Bedarf birgt jedoch naturgemäß Risiken für Kontinuität. Denn nicht nur muss der Nachfolger seinem Vorgänger zum Verwechseln ähnlich sehen und sein, er muss auch noch willig sein, seine Aufgabe im Sinne seiner „Schöpfer“ zu erledigen.  Während man an der Optik so lange arbeiten kann bis sie passt, ist die Arbeit des Gehirnes, sehr zum Leidwesen des Professors, noch nicht perfekt steuerbar.  So besteht zuweilen die Gefahr, dass ein Präsident tatsächlich einen eigenen Willen zeigt; was natürlich nicht geduldet ist und zu einer sofortigen Neubesetzung führt.

Kästner genial: seine pointierten Dialoge. Seine Formulierungen, die im ersten Moment zu Lachen reizen, dann im Zusammenhang betrachtet, Betroffenheit hervorrufen.Ihm reichen wenige Worte um die ganze Geschichte für alle klar und deutlich zu erzählen und damit die Saat für fortwährendes Nachdenken und Nachfragen zu säen.

Als Kästner im Jahr 1936 erstmals über diesen Stoff nachdachte, da waren seine Bücher verboten, sein Leben in Deutschland nicht sicher, er selbst im Exil, Europa und die Welt näherten sich von Hitler getrieben dem Abgrund.

Als er 10 Jahre später, man schrieb das Jahr 1946, damit begann, an diesem Stück zu arbeiten, da waren zwar ein paar der Diktatoren im Herzen Europas nur mehr Staub und Asche, viele andere aber mordeten, unterdrückten, folterten noch immer, ja viele waren in Folge des Chaos gerade erst an die Macht gekommen. Während wir das Glück hatten, dass die Nazis besiegt worden waren, begann sich ganz in der Nähe schon der eiserne Vorhang zu senken und die Branche der Diktatoren boomte.

Als das Stück im Jahr 1957 erstmals aufgeführt wurde, da hatte sich der eiserne Vorgang endgültig gesenkt und in viel zu vielen Ländern weltweit waren Diktatoren an der Macht. Ob sie nun faschistisch oder stalinistisch oder maoistisch waren, ob in Europa, Asien, Afrika oder Südamerika: sie waren und sind alle gleich, verwenden die gleichen Unterdrückungswerkzeuge und dirigieren den gleichen Machtapparat. Und wurde einmal einer gestürzt, dann folgte ihm meist ein anderer nach, der es nicht anders machte. So als ob sie alle auf einer einzigen Schule ihr Handwerk gelernt hätten.

Wie unendlich größer sind doch die Chancen für ein ähnliches Konzept heutzutage. Nun, da grenzenlos geklont und computer-animiert werden kann ist es doch so viel einfacher, eine Kopie in Umlauf zu bringen. Warten wir, bis es jemand ausprobiert (ein paar Kandidaten für Klon-Präsidenten von Russland bis Nordkorea fielen mir da schon ein).

Stimmen zur Premiere im März 1957


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  • Kommentar von  Joe am 30.12.2015 um 07:54 Uhr Uhr

    Vor 35 Jahren hat es einen Eindruck auf mich gemcht, dann ist Ronald Reagan angeschossen worden.
    Ich wollte damals schon den Versuch machen, das Stück auf Englisch auf den Markt zu bringen, aber die Leute verstehen nichts.
    Gibt es eine englische Ausgabe?

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