Rainer Nikowitz : Volksfest

verfasst am 14.12.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Nikowitz, Rainer

Vorsicht!! Akute Ansteckungs- und Suchtgefahr!! Übermäßiges Nutzen der von Rainer Nikowitz verwendeten Sprache im Privatbereich könnte Ihre Sozialkontakte nachhaltig beeinflussen!!

Wenn so ein Hinweis auf den Zigarettenpackerln steht, dann hat das seine Richtigkeit. Warum also nicht auch einmal auf einem Buch? Weil es nicht so ungesund ist? Na, ich weiß nicht – zu viel Lachen kann die Gesundheit sicherlich auch schädigen.

Wie soll man das einordnen? Respektlos? Cool? Skurril? Muss man sowieso nicht, es reicht wenn man sich darauf einstellt, dass man einen Roman liest, der nichts und niemanden Ernst nimmt. Aus purem Selbstschutz habe ich mir dabei gar nicht erst nicht die Frage gestellt, ob man auch als LeserIn vielleicht nicht ernst genommen wird? Mir hat es gereicht, mich königlich zu amüsieren und ich war mit bewusst, dass mich (also nicht persönlich, nur lesemäßig gewissermaßen) der Herr Nikowitz dabei nach allen Regeln der Kunst verar…  .

Der Suchanek …

Suchanek hat Hausdienst in Wulzendorf. Dort ist er zwar aufgewachsen, aber schon seit 15 Jahren nicht mehr gewesen. Seine Eltern nämlich gönnen sich wieder einmal etwas und brechen zu einer 4-tägigen Autobus-Rundreise auf. Bis zum Bodensee und darüber hinaus! Zu lange, um Haus und Hund unbeaufsichtigt zu lassen.

… kommt an

Und so kommt der mißratene Sohn ins Spiel: 33, erfolglos, arbeitslos, gar nix los (ausser kiffen) – wäre eine treffende Charakterisierung von Suchanek. Nicht, dass Suchanek die erste Wahl für diesen veranwortungsvollen Job gewesen wäre. Er war ehrlich gesagt die letzte Wahl, aber alle, die in einem solchen Fall normalerweise Haus- und Hundedienst haben, konnten diesnmal aus gewichtigen Gründen nicht einspringen.

Jetzt muss man wissen, dass Wulzendorf ein Ort ist, an dem nie was passiert. 20 Jahre ist es her, das gab es eine bis zum heutigen Tag ungeklärte Brandserie, seitdem aber hat sich bis auf die üblichen Reibereien mit dem Nachbardorf praktisch nichts getan. Nicht einmal das jährliche Volksfest samt Autodrom und Bierzelt bringt mehr hervor als die landesübliche Menge an Alkoholleichen.

Es fällt daher auf, wenn es gleich in der ersten Nacht nach Suchaneks Auftauchen eine Scheune abbrennt. Samt Bewohnerin. Blöder Zufall, dass es die Scheune vom Mantler war und die Tote seine Frau Johann. Und der Mantler selbst ist der Feuerwehrkommandant, gerade aber auswärts in Polen – irgendwie peinlich.

Das alles schaut nach Mord aus und Suchanek wie der Mörder. Logisch, denkt so so ein durchschnittlicher Ortsansässiger, das kann ja nur der mißratene Süchtler gewesen sein. Aber der war es nicht, wir wissen das genau, denn wir sind gemeinsam mit dem Suchanek auf dem Balkon gestanden, haben eine Tüte geraucht und uns von dort oben aus das Feuer und die Silhoutte eines sich vom Tatort entfernenden Menschen angeschaut.

Furchtlos

Dass der Suchanek später in die Rolle des inoffiziellen Privatermittlers schlüpft, das hätte er wohl nie gedacht. Gemeinsam mit dem Grasl, Besitzer des einzigen Lokales in Wulzendorf, Suchaneks Graslieferant und Spezi aus den alten Tagen, führt er die Leserin/den Leser in die  Welt des Dorfes ein und uns alle auf die Spur der Morde. Morde? Ja: Mehrzahl, weil die Johanna Mantler war nur das erste Opfer, ein weiteres folgt bald.

Während man sich fortgesetzt köstlich amüsiert wird es, quasi als Draufgabe, auch noch eine verzwickte Krimistory.

Wollte man bei all diesem Positiven auch einen kleinen negativen Punkt anmerken, dann ist es die Unmenge an Mitwirkenden. 3,5 Seiten Personenverzeichnis zu Beginn des Buches sind äußerst sinnvoll (der Ken Follet lässt bei seinen 1000-Seiten-Wälzern auch nicht mehr Leute mitspielen) aber auch ein wenig einschüchternd. Ein paar der leicht verwirrenden Namen (fast so verwirrend wie in einem Schwedenkrimi) und Namensträger hätte man  einsparen können und nix wär passiert.

Respektlos

Jedes Klischee, das den Weg eines Satzes kreuzt, wird gnadenlos bedient, jeder Schmäh, der bei 10 nicht auf dem nächsten Baum ist, wird ohne Rücksicht auf Verluste rezitiert oder neu erfunden. Jede passende und unpassende spitze Bemerkung wird gnadenlos bemerkt. Jeder Satz mindestens  ein Treffer/Lacher.

Das ein ganzes Buch lange durchzuhalten ist für sich alleine schon eine Leistung. Weil es dabei aber niemals langweilig wird, hebt sich „Volksfest“ ganz klar aus der Masse der 2012er Neuerscheinungen in Österreich heraus.

Furchtlos?

„Volksfest“ regt auch zum Selbsttest für Furchtlose an: kann man beim nächsten Gespräch mit dem griesgrämigen Nachbarn auch so einen Tonfall anschlagen? Traut man sich, beim nächsten Familientreffen so mit der piekfeinen Erbtante zu sprechen? Oder beim nächsten Volksfest den leicht angesäustelten Typen in der Lederhose schief anzureden? Lustig wäre es ja, …

Eine Kriminalsatire vom Land. 
Schau’n Sie sich das an!


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