Hans-Henning Scharsach: Strache - Im braunen Sumpf

Es kann nie zu viele Stimmen gegen die Rechtsradikalen geben. Es gibt leider nur zu wenige. Eine Stimme ist jene von Hans-Henning Scharsach, der schon den wahren Jörg Haider portraitierte. Jetzt nimmt er sich den wahren Herrn Strache (Parteiobmann der sog. „Freiheitlichen“) vor und das, worüber er etwas sagt, ist eine Realität,vor der man Angst bekommen konnte. Oder besser: den Willen aufbringt, dagegen aufzustehen!

Bevor es um dieses Buch geht: vehement gegen die sog. „Freiheitlichen“ und ihren Partei-Führer, eben den Herrn Strache aufzustehen, kann einen normalen Menschen teuer zu stehen kommen. Eine Klage hat man da schnell im Haus. Umso besser ist es, nun ein Buch in Händen zu haben, in dem alles das drinnen steht und hinter dem ein Verlag steht, der sich gegen die klagswütigen sog. „Freiheitlichen“ zu wehren weiß.

Aber jetzt: wer ist dieser Herr Strache wirklich. Sind es nur die bösen Linksradikalen Elemente (wie er und seine Parteigenossen – zuletzt praktisch täglich in Kärnten zu hören – alle Gegner bezeichnen), die einen in Wahrheit guten Menschen verunglimpfen? Oder steht hier tatsächlich (siehe in den Stil der NSDAP-Zeitung „Der Stürmer“ verfälschte Karikatur) ein  gestandener Nazi an der Spitze einer rechtsradikalen Partei (die immerhin einen Landeshauptmann stellt und die stärkste Oppositionspartei im Parlament in Wien ist)?

Mir ist die Antwort ja klar, aber einer ganz erklecklichen Anzahl an Österreicherinnen und Österreichern anscheinend nicht – weil sie nicht darüber nachdenken, wenn sie wählen? Weil sie dem folgen, der am lautesten schreit? An die andere These, nämlich dass alle Wähler der  sog. „Freiheitlichen“ tatsächlich Nazis sind, möchte ich jetzt lieber gar nicht denken.

Das Buch –  Bekanntes und Neues:

Falls man zu den Menschen gehört, die aufmerksam die Berichte in den Medien verfolgen und die sich mit dem Problem Rechtsradikalismus regelmäßig befassen, wird man vieles schon kennen.

Dieses Buch liefert eine Zusammenfassung aller dieser Meldungen, aller Erkenntnisse, aller unwiderlegbaren Fakten über Strache und sein Netzwerk im rechten und rechtsradikalen Bodensatz. Nicht nur in Österreich, sondern auch, worauf der Mann ja besonders stolz ist, zu Gleichgesinnten in aller Welt.

Es enthält aber auch eine ganze Menge an Detailinformationen, die wohl bislang nur einem kleinen Kreis bekannt waren.

So entsteht eine Art Chronik der Geschichte der Nationalsozialisten in Österreich vom Ende des 2. Weltkrieges bis zur heutigen FPÖ, den sog. „Freiheitlichen“,  unter ihrem Parteiführer Strache. Ein wesentlicher Bestandteil dieser Geschichte sind die (vielfach als rechtsextrem eingestuften) Burschenschaften, deren stetig wachsender Einfluß eines der Hauptmerkmale der Ära Strache ist.

Apropos Burschenschaften: Herr Martin Graf (an dieser Stelle nochmals herzlichen Dank an SPÖ und ÖVP für die Wahl dieses Herren zum 3. Nationalratspräsidenten) ist ja bekanntlich einer der prominentesten Vertreter dieser (schon rein zahlenmäßig betrachetet) Randgruppierungen. Graf findet auch den ihm gebührenden Raum in diesem Buch und was man da lesen kann, das lässt seine „Tätigkeit“ in der Stiftung der alten Dame fast als lässliche Kleinigkeit erscheinen.

Alles das, was ich dazu in den letzten Jahren an Meldungen gelesen habe, nun in der gerafften Form und mit vielen Details ergänzt zu sehen, ist wahrlich beunruhigend. Denn es ist das Wesen unserer Deokratie, dass sie ihren ideologischen Feinden unterStichwort Meinungsfreiheit  zu einem gewissen Grad schutzlos ausgliefert ist. Solange die Hetzer unbedrängt so weitermachen dürfen, können Sie auch unsere Gesellschaft, unter eifriger Mithilfe der WählerInnen, aushebeln. Aber so etwas haben die Braunen ja schon einmal geschafft.

Die bekannte Problematik:

Meine Annahme ist, dass dieses Buch nur von jenen gelesen wird, die sich der bedenklichen Situation sowieso schon bewusst sind. Alle, die, aus welchen Gründen auch immer, die sog. „Freiheitlichen“ wählen, werden dieses Buch nicht lesen.

Das unterstellt der Autor Hans-Henning Scharsach augenscheinlich auch selbst. Denn man braucht schon ein recht umfangreiches Wissen über und Verständnis für die Vorgänge der letzten Jahre, um nicht angesichts der schieren Menge der angeführten Daten und Fakten den Überblick zu verlieren.

Die kleine, neue Hoffnung:

Ein wesentlicher Anteil der WählerInnen dieser „Partei“ (oder sollte man besser „Bewegung“ sagen, wie der selige Jörg es einst tat?) sind ProtestwählerInnen, denen ausser dem „Gegen-Etwas-Sein“ offenbar wenig am Herzen liegt. Dieses Gruppe hat nun die gute Gelegeheit, ihre Stimmen zwischen den sog „Freiheitlichen“, dem Herrn Stronach und den Piraten aufzuteilen.

Parallelen:

So, nun haben wir also ein Buch, in dem alles drinnen steht, was man wissen muss, um diese FPÖ, diesen Strache, diese sog. „Freiheitlichen“ nicht wählen zu können, ausser man ist ein Nazi. Klipp und Klar. Doch wird es etwas ändern? Vielleicht hilft ja ein kleiner Verweis (auch wenn er vielleicht ein wenig weit hergeholt scheint):

  • Kurzer Rückblick zum Anfang des Jahres 1933:
    da glaubte ein Nationaler (Franz von Papen) den Führer der NSDAP  (Hitler) zähmen zu können, in dem er mit ihm gemeinsam eine Regierung bildete. Und der greise Reichspräsident Hindenburg vereidigte mit bösem Blick diese Regierung. Und wie es ausging wissen wir.
  • Kurzer Rückblick in den Herbst 1999:
    da glaubte ein Christlich-Sozialer (Wolfgang Schüssel), den Führer der FPÖ (Jörg Haider) spielend leicht zähmen zu können, in dem er mit ihm gemeinsam eine Regierung bildete. Und der kranke Bundespräsident Klestil vereidigte mit bösem Blick diese Regierung. Und wie es ausging wissen wir (bzw. sind wir gerade dabei durch die Arbeit der Staatsanwaltschaft zu erfahren).
  • Kurzer Ausblick ins Jahr 2013:
    wird da ein Christlich-Sozialer (heute Michael Spindelegger, wer auch immer morgen) glauben, den Führer der sog. „Freiheitlichen“ (Heinz-Christian Strache) zähmen zu können, in dem er mit ihm gemeinsam eine Regierung bildet? Dieses auszuschließen weigert sich der Christlich-Soziale heute jedenfalls, denn Macht geht ja bekanntlich vor Demokratieverständnis, so wie es Schüssel einst vormachte. Wenigsten ist unser derzeitiger Bundespräsident Heinz Fischer weder greise noch krank. Das lässt hoffen.

Links zum Thema:

Fazit:

Ich bin beeindruckt von der Dichte der aufgebotenen Fakten und Belege, von der wissenschaftlichen Aufarbeitung und vom unwiderlegbaren Nachweis der rechtsradikalen Gesinnung und Handlungsweise der sog. „Freiheitlichen“.

Angesichts der ungeheuren Informationsmenge wird dieses Buch aber  – leider  – keinen einzigen Wähler, keine einzige Wählerin der FPÖ  zum Umdenken bringen. Zwar liest es sich manchmal wie ein Politthriller,  aber für das Erreichen einer breiten Schicht der FPÖ-Wähler hätte es einer einfacheren Aufmachung und einer direkteren Sprache bedurft.

Bleibt zu hoffen, dass sich vor allem die Journalisten der Inhalte und Belege aus diesem Buch bedienen werden und über die braunen Sümpfe berichten.

Ganz und gar nicht nachvollziehen kann ich aber Scharsachs Darstellung der FPÖ unter Jörg Haider: aus dem Umstand, dass unter Strache – im Gegensatz zur Ära Haider – immer mehr Burschenschafter und ähnliche Rückwärtsgewandte in die Parlamente einziehen, zieht er den Schluß, dass Haider in Richtung Moderne unterwegs gewesen wäre.  Meine Sichtweise ist da gänzlich anders: Haider hat es nur weit besser als Strache verstanden, seinem Machtstreben alles unterzuordnen und konnte dabei den braunen Sumpf, in dem auch er („wenn nicht er ..“) bis zum Hals stand einfach nur besser verbergen als Strache.

Aber der Strache wird das auch noch lernen, davon ist auszugegehen. Haider hat ja ein paar Jahre länger die ordentliche Beschäftigungspolitik im 3. Reich gelobt, bevor er seinen Stil und Tonfall änderte … und einen Phaeton geschenkt bekam.

Trotzdem und weil die Befassung mit diesem Thema so wichtig für unsere Land ist, muß es für dieses Buch 5 von 5 Sternen geben.

Mehr zu Thema Strache im LiteraturBlog:

Endlich Strache


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