Joseph Roth: Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht

verfasst am 06.08.2012 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Roth, Joseph

Ein Erzähler erzählt über einen Erzähler. Ein Zielloser (wohl Joseph Roth in der Rolle des Ich-Erzählers) im Paris der Zwischenkriegszeit tritt auf einen Getriebenen. In einer einzigen Nacht breitet sich dabei die Geschichte eines ganzen Lebens aus, das am Ende so ganz anders verläuft als man es erwarten musste.

In einem russischen Lokal, gleich gegenüber von seinem Hotel, trifft der Erzähler allabendlich auf eine ganz spezielle Gruppe von Menschen. Nicht, dass er dabei viel mit ihnen sprechen würde, es ist einfach die Atmosphäre, die ihn dort einfängt. Eines Abends wird aus seinem kurzen Besuch mehr: ein Abend, der nicht enden will. Semjon Golubtschik, der Russe, eröffnet den Anwesenden, dass er ein Mörder, ein zweifacher sogar, sei und erzählt seine Geschichte.

Er, der unehelíche Sohn eines Fürsten wuchs auf in einem ärmlichen Dorf, irgendwo in der öden Weite Rosslands. Während Golubtschik schon bald erfährt, dass nicht der Förster sein Vater ist, sondern der Fürst Krapotkin, glaubt er seinen Lebensweg vorbestimmt: anerkannt von seinem Vater würde auch er ein Krapotkin werden, ein Fürst, dem diese Ehre gebührt.

Er wächst auf, immer mehr gewinnen seine Ideen und Vorstellungen die Oberhand über sein Handeln, bis er sich endlich aufmacht, vom Fürsten sein wie er glaubt  „Recht“ zu fordern, endlich als legitimer Nachkomme anerkannt zu werden. Der unweigerlichen Abweisung folgen weitere Zurückweisungen und in Golubtschik wächst der Hass: auf seinen Vater und auf dessen Sohn, jenen der doch ihm, Golubtschik, den ihm zustehendem Platz als rechtmäßigem Erben verwehrt.

Dass ihm dabei ein zwielichter Mann names Lakatos ein paar Lügen über Den Fürsten und über den Sohn auftischt, bestärkt Golubtschik immer weiter in seiner Obession, anerkannt zu werden.

Gänzlich aus der Bahn geworfen wird Golubtschik, als er, nun schon in Diensten der zaristischen Geheimpolizei, erneut auf den Sohn des Fürsten trifft. Eine junge Frau, Modell eines berühmten Schneiders aus Paris, zu Besuch in St. Petersburg, steht im Mittelpunkt. Lutetia, wie sie sich nennt, wird vom jungen Fürsten umworben, während Golubtschik selbst sein Herz an sie verloren hat.

Aus der Rivalität wird mehr und mehr Betrug und Hinterlist. Nachdem man in Russland seine Ränkespiel aufgedeckt hat wird er von seinen Vorgesetzten nach Paris geschickt, um dort wirkliche und vermeinliche Gegner des Zaren zu bespitzeln, darunter auch Lutetia. Golubtschik schlüpft nun gänzlich in die Rolle des jungen Fürsten Krapotkin, wird zum Geliebten, zum Gönner und verliert dabei mehr und mehr den Überblick über die Folgen seinens Handelns.

Als dann der Fürst und dessen Sohn ebenfalls in Paris ankommen, gibt es keinen Weg mehr, das kommende Unheil zu verhindern. Während sich die Welt in den ersten Weltkrieg stürzt, wird aus dem Spitzel, dem Betrüger, dem Hochstabler Golubtschik der Mörder Golubtschik.  Mit der Gewissheit, eine schreckliche Tat begangen zu haben, zieht er in den Krieg um dort ebenfalls zu sterben

Die Zuhörer von Golubtschiks Erzählungen sitzen stundenlang dabei, vergessen die Zeit, bemerken nicht, wie draussen schon der Morgen graut. Das kann man verstehen, denn diese Erzählung hätte wahrscheinlich die meisten von uns LeserInnen genauso auf ihrem Plätzen gehalten und unsere Sinne gefesselt, wären wir nur in jenem Lokal in jener Nacht dabei gewesen.

Das Leben eines Gescheiterten wird wirklich und bildhaft. Joseph Roth gibt jedem Gedanken, jeder Aussage des Mannes so fiel Realität, so viel Spannnung mit, dass es kaum möglich ist sich dem Gelesenen zu entziehen. Neid und Missgunst gewinnen Gestalt und gleichzeitig damit auch die Zeit, in der dies alles geschah.

Man erlebt, wie in dem Russland des Zaren sich alles nur noch um Betrug, Hinterlist und Macht dreht und versteht damit letztendlich auch, warum diese erstarrte Gesellschaft so blutig scheitern musste. Und wie das álles dazu beitrug, aus einem jugen Mann einen mit allen Wassern gewaschenen Verbrecher (im Dienste des Regimes) zu machen. Das was danach kam und was gerade zu der Zeit, als dieses Buch geschrieben wurde, einen ersten brutalen Höhepunkt erreichte, das hatten die Menschen Russlands nicht verdient.

Darauf wirft Jospeh Roth nur einen kurzen Seitenblick in einem Halbsatz Golubtschiks, denn in der Gegenwart dieses Buches hat das alles keine Bedeutung mehr. Das was Bedeutung hatte, was dazu führte, die Menschen in tiefe Abgründ zu ziehen, das ging mit dem Zaren unter (und vielleicht sitzt ein paar Jahrzehnte später ein anderer Golubtschik in einem anderen Lokal und erzählt über seine Taten aus der Zeit Stalins.)



Einen Kommentar hinterlassen

* erforderlich. Beachten Sie bitte die Datenschutzerklärung


Top