Joseph Roth: Die Flucht ohne Ende
Ein Bericht

verfasst am 14.01.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Roth, Joseph

Es ist eines der zentralen Themen der Werke von Joseph Roth: nach dem 1. Weltkrieg, nach dem Ende der Donaumonarchie, stehen Menschen vor den Trümmern ihres bisherigen Lebens. Das Fundament, das noch vor wenigen Jahren so unverrücktbar, so unzerstörbar erschien, gibt es nicht mehr und ein neues ist noch nicht errichtet.

Franz Tunda ist als Oberleutlant der k.u.k. Armee in russische Gefangenschaft geraten. Er flieht, versteckt sich für Jahre bei einem Jäger irgendwo in der Weite Sibiriens. So kommt es, dass er vom Ende des Krieges erst spät erfährt.

Tunda bricht auf, um nach Wien zurück zu kehren. Seine Reise zurück wird eine Reise durch neue Staaten, die es auf seinem Weg nach Osten allesamt noch nicht gab.

Mit jedem Tag seiner Reise und jedem Schritt auf seinem Weg zurück entfernt Tundra sich weiter von seinem Ursprung. Das Bild seiner Verlobten verblasst und er verliert sein Herz an die Revoluzionärin Natascha. Sein bürgerliches Weltbild verliert an Wert und wird durch das eines Kämpfers gegen die alte Ordnung ersetzt. Von der Ukraine aus führt ihn sein nunmehriges Leben als Kämpfer in der Roten Armee zuerst nach Moskau. Es ist eine Zeit, in der er voll und ganz die Revolution lebt, mit aller Leidenschaft und Grausamkeit.

So wie bald seine Liebe zu Natascha verschwindet, so verschwindet auch die Leidenschaft mit der er Kämpfer für die Revolution wurde. Damit endet auch dieser Lebensabschnitt und er kommt auf seinem weiteren Weg bis nach Baku am Kaspischen Meer.

Aus der zufälligen Begegnung mit Reisenden aus Frankreich, denen er sich als geborener Russe vorstellt, wird der Beginn für den nächsten Abschnitt. Tunda verlässt Baku und die Frau, die er dort heiratete, macht sich auf den Weg zum österreichischen Konsulat in Moskau und reist diesmal endgültig zurück nach Österreich.

Österreich, Wien sind für ihn keine Heimat mehr. Seine frühere Verlobte ist sein ein  paar Jahren verheiratet, andere Verbindungen hat er hier nicht. Tunda fühlt sich in Wien viel mehr als ein Russe aus der Taiga als ein ehemaliger Offizier der kuk.-Armee. Sein Erscheinungsbild, seine Gedankenwelt, sein Auftreten, sein Leben passen nicht mehr in diese Stadt.

Somit ist auch Wien nicht die Endstation seines Irrweges. Paris, Londo und wer weiß, welche Orte noch wird er besuchen. Er wird dort kurz verweilen und dann, rastlos und ratlos anderswo eine Heimat suchen.

Roth schreibt diesen kurzen Roman in einem sehr spartanischen Stil, schnörkellos, sachlich.

Nachdem die Alte Welt erloschen ist, findet Tunda für sich keine Neue Heimat. Er sucht eine Aufgabe für sein Leben, glaubt immer wieder endlich eine gefunden zu haben. Doch immer ist es nur die kurzfristige Leidenschaft zu einer Frau, die ihn für eine gewisse Zeit an eine Landschaft, an eine Gruppe von Menschen, an ein bestimmtes Leben bindet.

Alles wiederholt sich, und alles wird sich wiederholen, solange Tunda lebt. Er sucht, er findet, er wird dessen, was er gefunden hat, überdrüssig, er sucht weiter. Dieser Strudel war wohl ein Symptom für viele Menschen in der Zeit nach dem Ende der Monarchie. Viele ergaben sich ihrem Schicksal, einige versuchten, ihre Zukunft in die eigenen Hände zu nehmen. Viel zu viele verfielen den Parolen der Fanatiker, die mehr und mehr die Oberhand gewannen.



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