Joseph Roth: Das falsche Gewicht

verfasst am 21.06.2013 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Roth, Joseph

Das, was Joseph Roth beschreibt, das spielt nur wie zufällig an der fernen Grenze der Donaumonarchie. Die Menschen aber, die er beschreibt, die könnten irgendwo auf der Welt zu jeder beliebigen Zeit gelebt und ihnen könnte es ganz ähnlich ergangen sein wie dem Eichmeister Anselm Eibenschütz.

Natürlich, das Umfeld, die Arbeit des Eichmeisters, der kleine Ort am äußersten Rande der Monarchie, direkt an der Grenze zum Zarenreich: das ist die Welt und die Atmosphäre der Donaumonarchie. Und in der Beschreibung dieser Welt ist Joseph Roth der unbestrittende Meister.

Doch diese Welt ist nur die Bühne für die Lebensgeschichte des Anselm Eibenschütz, seiner Frau, seiner Geliebten; seiner Ambitionen und seiner Verfehlungen; seiner Feinde.

So tritt Anselm also seinen neuen Posten an. Als ehemaligem Unteroffizier stand ihm nach dem Abschied aus dem Militärdienst ein Posten im Staatsdienst zu. Doch dorthin wollte er sicherlich nicht, in den fernen Osten des Landes, nach Galizien, und auch die Stelle als Eichmeister ist eine Enttäuschung für ihn, eine Kanzlei in einer Stadt, das hatte ihm vorgeschwebt.

Nur wenig Zeit vergeht und er beginnt seine Frau, derentwegen er das Militär verließ, für sein glückloses Lebenm verantwortlich zu machen. Die wiederum findet bald einen Liebhaber und erwartet von diesem ein Kind.

Eibenschütz ist mehr erleichter als gekränkt, als er- ein anonymer Brief brachte ihn auf die Spur – endlich hinter das Geheimnis seiner Frau kommt. Schon längere Zeit liebte er sie nicht mehr und nun eröffnet sich für ihn auch die moralische Rechtfertigung, aus seinem bisherigen Leben auszubrechen. Die wohlgeordneten Bahnen, das, was er bisher als die Verpflichtung jedes Beamten im Dienster seiner Majestät, des Kaisers betrachtete, kann er nun verlassen; zu viel von dem, was ihn und sein Leben ausmachte ist verschwunden, wurde zunichte gemacht.

Eibenschütz wirft rasch ein Auge auf die verführerische Frau des zwielichtigen Wirtes der Schenke an der Grenze. Er hat nun auch keine Skrupel mehr, den Widersacher mit Hilfe der Macht und Autorität seines Amtes beiseite zu räumen. Der Mann wandert für meherer Jahre ins Gefängnis und Eibenschütz teilt schon bald darauf Tisch und Bett mit seiner Geliebten.

Vorhersehbar, dass auch diesen verworrenen Verhältnissen am Ende eine allumfassende Katastrophe wird. Es kommt der Winter, in dem Eibenschütz nichts gewinnt und alles verliert.

Doch es geht nicht um dieses Vorhersehbarkeit, denn man kann sich ganz leicht in jedem Kapitel vorstellen, wie es im folgenden weitergehen wird.

Es geht um die Einfühlsamkeit: wie Joseph Roth das Leben des Anselm Eibenschütz aus dessen Innerem heraus beschreibt; wie der Eichmeister Erzähler und Erzählobjekt in einer Person ist; wie sich sein Groll, seine Verwirrung, seine Leidenschaft, sein Unglück in seinen Gedanken spiegeln; wie er sich als Mensch immer weiter von jenem Anselm Eibenschütz entfernt, der einst hierhin in diese Einöde zog.

Alles das in einer großartigen Sprache, in einem grandiosen Bild. Und dann, dann wird im Hintergrund auch ein wenig die zerbrechende Monarchie sichtbar. Und wie sich das beginnenden Zerbrechen des Staatsgebildes im Einzelnen wieder findet.

Das, was bei Joseph Roth als so genial bezeichnen kann, das ist die Einfachheit seiner Worte und Sätze und wieviel er damit sagt.



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