Francis Spufford: Rote Zukunft

verfasst am 23.03.2012 von | 1 Kommentar
Rubriken: Romane, Spufford, Francis

Francis Spufford legt sich in der Einleitung zum Buch selbst nicht fest, als was man diesem Roman betrachten bzw. wie man ihn einordnen solle. Und weil sich beim Lesen dann heraus stellt, dass man sich wirklich schwer tut, die „Rote Zukunft“ in irgendeine Schublade einordnen zu wollen, ich erspare mir einfach diese Einordnung und schreibe einen Lesebericht über ein Exemplar aus der Liga der „Ganz Aussergewöhnlichen Bücher“.

Ein wenig passt es in die Linie der „Was-wäre-wenn“-Romane (…die Nazis den Krieg gewonnen hätten … , …es die DDR noch gäbe …, usw.,usf.).  Was wäre also zB., wenn sich die USA und die Sowjetunion fast auf Augenhöhe gegenüber gestanden wären, damals in den 1950er und 1960er-Jahren. Als Nikita Chruschtschow wirklich der festen Überzeugung sein konnte, dass man Eisenhowers Amerika in spätestens einer Dekade öknomisch überholt haben würde. Und hätte das ausgereicht, für die Bürger ein lebenswertes Leben zu bieten oder hätte es nur der Belobigung einiger weniger Apparatschiks gedient?

Was wäre, wenn der Sputnik nur die erste einer Vielzahl an Leistungen und Errungenschaften des Kommunismus gewesen wäre, mit denen man den Kapitalismus zuerst überholen und dann demütigen konnte? Nun, was hätten wir  dann? Genau! Eine Rote Zukunft!  Stalin war (endlich) tot und mit ihm die Zeit des Terrors anscheinend vorbei. Die Menschen atmeten wie befreit auf, schöpften Hoffnung und erwarteten, dass nun endlich alle Versprechungen, die ihnen die Revolution gemacht hatte, eingelöst würden.

Wir wissen,, wie es ausging, wissen, daß es nie soweit kam. Ein sehr kurzer, bescheidener und ein wenig hoffnungsvoller Frühling (der in Wahrheit nur eine Zeit mit etwas weniger Winter war) unter Chruschtschow wich schon bald einer Re-Stalinisierung unter Breschnjew. Und damit waren auch Träume von einer besseren Zukunft nicht nur quasi ein Verrat am Kommunismus sondern auch vollkommen überflüssig, weil nie erreichtbar.

Es geht auch gar nicht so sehr um diese erträumte schöne, heile Welt des Sozialismus sondern es geht darum, wie aus den Verheissungen und dem festen Glauben an die Überlegenheit des Kommunismus dann doch nur eine für die davon Betroffenen entbehrungsreiche und bedrohliche Realität wurde (wohingegen die, die das alles angezettelt und zu verantworten hatten, es sich ja sowieso immer gut gehen ließen ¹).

Spufford mischt äußerst raffiniert historische Wahrheiten mit realitätsnahen Fiktionen. Ob Chruschtschow bei dieser oder jener Gelegeheit wirklich so gedacht oder gesprochen hat, das ist gar nicht so wichtig, wichtig ist nur, dass man es glaubt, dass es so hätte sein können. Manchmal ist es ein fast witziges Verwirrspiel, manchmal liest man über die Scheinwahrheiten der Statistiken, an mit denen sich die Politspitzen der UdSSR schmückten und manchmal darüber wie sich die Wirklichkeit darstellte. 

Man liest vom kommenden Paradies und davon, dass nach dem Willen der Parteigranden nur ein paar kleine Schritte dorthin fehlten. Und man liest davon, wie sich für die Untertanen in der Sowjetunion niemals etwas besser wurde.

In der regelmäßigen Abfolge von historischer Dokumentation (jeweils als Einleitung einem Kapitel voran gestellt) und fiktionaler Darstellung des Lebens der Betroffenen verstärkt sich die Wirkung dieses Buches enorm: wie hätte es sein sollen, wie erträumte man es sich und wie wurde es tatsächlich. Mit dieser Gegenüberstellung gelingt es Francis Spufford in einfacher aber schlüssiger Form zu zeigen, warum dieses System niemals funktionieren konnte.

Wie es ausging wissen wir: der Kapitalismus, konnte das unschöne und unappetitliche Darunter länger viel verstecken als der Kommunismus und fuhr einen bravourösen Sieg ein. Mit Blick auf die letzten paar Jahre und die damit sichtbar gewordenen Auswüchse kommen bei mir aber heftige Zweifel ¹) auf, ob das mehr als ein Etappensieg war. Denn zweifelsohne steht das Endergebnis des Duells um den Titel des besten aller Gesellschaftssysteme auch nach dem Ausscheiden des Kommunismus noch aus. Wir müssten dazu nur einen neuen, attraktiven Herausforderer finden!

Dieses Buch war für mich ein wahrer Glücks- und Zufallstreffer. Bis zu einer Info vom Rowohlt-Verlag hatte ich es weder beachtet noch auf meinem Leseplan noch überhaupt von Herr Spufford gehört. Jetzt weiß ich: es wäre tatsächlich ein großes Versäumnis gewesen, es nicht zu lesen.

PS = die Fußnote zu ¹): und da soll noch eine/r sagen, zwischen Kommunismus und Kapitalismus gibt es keine Gemeinsamkeiten…


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 1 Kommentar


  • Kommentar von  Pitti am 28.03.2012 um 21:23 Uhr Uhr

    Ich lese gerade dieses Buch und es gefällt mir ebenfalls sehr gut.

    Ich möchte folgendes ergänzen:

    – Dem Roman vorangestellt ist eine Auflistung aller Hauptpersonen des Romans in der Reihenfolge ihres Auftretens, mit vollständigem Namen (sehr nützlich grad bei Russen) und „Funktion“ – zudem wird bei jeder Person angegeben, in welchen Kapiteln sie vorkommt. Sehr hilfreich bei der Lektüre eines Romans mit umfangreichem Personal! Es ist auch gekennzeichnet, welche Personen fiktiv und welche historisch sind.

    – Der Anhang enthält 70 eng bedruckte Seiten mit Anmerkungen, die etliche durchaus anspruchsvolle Themen des Romans vertiefen und darüber hinaus transparent machen, aus welchen Quellen Spufford bei der Ausarbeitung der jeweiligen Passagen geschöpft hat und was reine Fiktion ist. Man kann hier sehr viel lernen. Wen es abschreckt: Die Lektüre der Anmerkungen ist zum Verständnis des Romans nicht notwendig.

    – Sprache und Ton des Romans ist in weiten Teilen brillant (fairerweise muß ich sagen, es gibt auch mal schwächere Passagen…) – Spufford gelingt es immer wieder, starke und eindringliche Bilder zu erzeugen. Ein Buch in Farbe! Besonders gut hat mir bis jetzt das Kapitel I.4 „Weißer Staub“ gefallen – ein junger aufstebender Mann, dem eine Karriere im Zentralkommitee der Sowjetunion bevorsteht besucht die Familie seiner Verlobten auf dem Land, und wird hier mit einer Welt konfrontiert, die ihm bislang unbekannt war: Rückständigkeit, extreme wirtschaftliche Not, Mißtrauen gegenüber „denen da oben“, Selbstgebranntem… Großartig!

    Ich les dann mal weiter…

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