Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts

verfasst am 01.11.2011 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Ruge, Eugen

Nach nur 2, 3 Sätzen hatte ich das Gefühl, dass mir in diesem Buch alles vertraut ist. So schnell in einen Roman hinein zu finden, das ist mir bis jetzt nur selten passiert. Eugen Ruge macht es mit seinem sehr persönlichen Stil möglich, dass schon nach wenigen Seiten das Gefühl aufkommt, hier schon ewig zu lesen und noch ewig lesen zu können.

„In Zeiten des Abnehmendes Lichts“ ist die Beschreibung des Weges einer Familie in der DDR über 4 Generation und 50 Jahre hinweg. Zuerst sind da die blind-gläubigen Kommunisten (Charlotte und Wilhelm), die nach dem Ende des Naziregimes in der Partei und in der DDR das Allheilmittel und Paradiesder neuen Menschen sehen.  Die 1950er Jahre sind die Zeit des Stalinismus, in der sie, wie die meisten Kommunisten aus Überzeugung, schon ganz bewusst weg sehen mussten, um nicht erkennen zu können/wollen/müssen, was wirklich in diesem entstehenden Staat an Willkür und Unterdrückung tagtäglich stattfand. Die beiden gehören nicht direkt im Inneren Kreis der Partei, sind aber doch so nahe am Zentrum der Macht, um zu glauben, etwas verändern und mitgestalten zu können.

Dann, im Laufe der Jahre, lässt sich die Realität nicht mehr komplett ausblenden. Die nächste Generation (Irina und Kurt) hat einen schon ein wenig klareren, manchmal sogar zynischen Blick auf das Leben und die Zwänge des Arbeiter- und Bauernstaates. Obwohl immer wieder und immer öfter Zweifel am Handeln Staat und Partei aufkommen, so werden beide doch niemals in Frage gestellt. Der Glaube an die Reformierbarkeit, an Wandel und Fortschritt des Kommunismus ist beinahe ungebrochen. Obwohl Kurt jahrelang im Gulag in Sibirien um seine reine Existenz ringen musste, und dabei aus einer anderenen Perspektive den Blick auf Stalinismus, Kommunismus und Partei werfen konnte, bleiben beide unbeirrbar (unbelehrbar?)  auf Linie.

Erst in der dritten Generation (Alexander) überwiegen zuerst die Zweifel und siegt dann die Erkenntnis, dass die DDR nicht die Zukunft ist sondern immer schon die Vergangenheit war. Alexanders Leben ist zugleich der Rahmen dieses Romanes, mit ihm beginnt es, mit ihm kommen wir an den (geographischen) Ausgangspunkt zurück, mit ihm schließt sich der Kreis.

Zwischen Humor mit Augenzwinkern und tiefer Traurigkeit, zwischen dem beinahe skurrilen Leben in der DDR und dem wie entwurzelten Leben nach der Wende – es sind viele bewegende Momente und man glaubt jeden einzelnen davon. Und die Geschichten über den Alltag in Ostdeutschland werden zu einer Geschichte über die DDR selbst.

Mit einem klaren und scharfen Blick auf die Menschen erzählt Ruge gleichzeitig über das Innere eines künstlich geschaffenen Staatsgebildes, das vom ersten Tag seiner Existenz an in Wahrheit schon auf dem Niedergang war. In dem gleichzeitig aber eine große Anzahl von Gutgläubigen und Gutwilligen unbeirrt (und vergeblich) daran arbeitete, doch noch eine Erfolggeschichte zustande zu bringen.

Diese Familiengeschichte, die, wie ich annehme, stellvertretend für die Geschichter vieler Familen der DDR stehen kann, ist eine Erzählung aus der Sicht von Menschen, die eigentlich das Rückgrat von Staat und Partei sein sollten, von beiden aber letztendlich nur als ideologisches Aushängeschild benötigt (missbraucht) wurden um den eigentlich Plan – die allgemeine Gleichschaltung, den absoluten Gehorsam – verwirklichen zu können.

Spannend ist es, wie Ruge den einzelnen Menschen nicht nur einen eigenen Charakter sondern jeweils auch eine eigene Sprache zuordnet, was sich manchmal bis hin zu unterschiedlichen Schreibstilen fortsetzt. Damit werden die Mitglieder der Familie in einem ganz außerordentlich hohen Maße lebendig und greifbar. Die Charakterisierung, die Betrachtung und Beschreibung ihrer Lebenswege über mehrere Jahrzehnte hinweg gehört für mich zum Einprägsamsten und Wirkungsvollsten, das ich in den letzten Monaten gelesen habe.

Ein Buch, das es schaffte mich von der ersten Zeite an zu interessieren und von dem ich wirklich praktisch jede der 425 Seiten genossen (von genießen, nicht von Genosse!) habe. Mit Menschen im Mittelpunkt, an deren Schichsal es leicht fiel Anteil zu nehmen.

Alles wirkt einerseits vertraut, berichtet andererseits aber aus einer so überaus fremden und unwirklichen Welt. Die verquere Sprache der Partei, das wie selbstverständlich praktizierte Denunzieren und Diffamieren von „Abweichlern“, das stereotype Vokabular: es war alles real, doch es erscheint jetzt, mehr als 20 Jahre danach, wie aus einem Endzeit-Science-Fiction-Roman.

Zusammengefasst: ich habe ein Buch gelesen, mit dessen Hilfe ich das Phänomen DDR ein wenig besser verstehen kann – werde aber noch viele mehr benötigen um (Aussenstehender, der ich bin) nur annähernd eine Ahnung davon zu haben.

PS: für mich ein wirklich würdiger Gewinner des Deutschen Buchpreises 2011


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