Buchbesprechung/Rezension:

Francis Spufford: Ewiges Licht


verfasst am 22.03.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Romane, Spufford, Francis
LiteraturBlog Bewertung:

Am Anfang die Anatomie eines Raketeneinschlages. Ein Augenblick, der kürzer ist als ein Wimpernschlag, in dem, der kurzen Zeitspanne zum Trotz, so unglaublich viel geschieht und an dessen Ende das Ende von 168 Menschen steht.

London im Jahr 1944 ist das Ziel von Hitlers V2 – mit ihnen kommt der Tod so schnell, dass es keine Vorwarnung gibt, denn die Rakete schlägt ein, bevor man sie hören kann. Es gibt keine Überlebenden im Woolworth in der Lambert Street in London und es gibt auch keine Überlebenden rund um den Ort des Einschlages. Tröstlich in gewisser Weise, niemand sah das Ende kommen und niemand merkte etwas vom eigenen Sterben.

Krieg, so fühlt er sich an; ein erstes Kapitel, das in seiner Intensität ein wenig an die ersten Szenen des Filmes „Der Soldat James Ryan“ erinnert, an die Landung in der Normandie.

Unter den Toten fünf Kinder. Menschen also, deren weiteres Leben noch völlig frei gestaltbar wäre. Wie wäre es ihnen ergangen, hätte die Rakete nur einen geringfügig anderes Kurs genommen?

Wie würden diese Leben 5, 20, 35, 50 oder 65 Jahre später aussehen?

Alec:
(1964) Setzer, Familie, über seinen väterlichen Freund ergattert er einen der begehrten Jobs bei einer Zeitung in der Fleet Street. Seine Chance, aus der Enge seines bisherigen Lebens auszubrechen. (1979) Alec hat seinen guten Job behalten, aber nun ist Margret Thatcher Premierministerin und es wird allerorts gestreikt; auch in der Fleet Street. Zeit für ihn, sich mit seinen pubertierenden Söhnen zu beschäftigen […]

Val:
(1964) auf der Suche und völlig planlos. Sie lässt sich überreden, einen Ausflug mit der Clique dieses Jungen, der viel zu jung für sie ist, zu machen. Langeweile. Doch wie der Zufall spielt, lernt sie unterwegs den coolen Mike kennen und der macht ihr auch gleich klar wie es ist, bei den Großen dabei sein zu wollen. (1979) Mit Mike hat sie einen Mann geheiratet, aus dem der Führer eine Nazi-Gruppe wurde. Sie liebt ihn, versucht aber, seine schlimmsten Taten zu verhindern. Es gelingt ihr nicht und es muss jemand sterben. (1994) Ihre Schuld, nichts unternommen zu haben, verfolgt sie für alle Zeit. Weil sie selbst weiß, was es bedeutet, wegzusehen, wenn man hinsehen sollte, unterstützt sie andere dabei, ihre Nöte und Ängste zu bewältigen. […]

Vern:
(1964) Krumme Geschäfte machen und damit viel Geld verdienen. Für seinen Plan, mit Immobilien reich zu werden, fehlt ihm das Startkapital; um das zu bekommen, muss er auf seine Überzeugungskraft einsetzen, mit der sich ein Betrug leicht durchziehen lässt (1979). Verns Geschäftsmethoden zielen noch immer darauf ab, andere über den Tisch zu ziehen. Nun hat er schon zwei Firmen in den Sand gesetzt, seine Frau wirft ihn aus der Wohnung, aber schon hat er die nächste grandiose Idee. (1994) Sein Leben spielt sich zwischen Überheblichkeit, Geschäftsideen und Essen ab. (2009) Sein zügelloses Leben fordert den Tribut an seiner Gesundheit. Er ist ein zynischer alter Mann, außerstande, in seinen Mitmenschen etwas anderes als potenzielle Opfer seiner Betrügereien zu sehen.

Ben:
(1964) Seine inneren Dämonen bestimmen sein Dasein, so sehr, dass er sich selbst in die psychiatrische Klinik einweist, in der man ihm helfen soll. (1979) Ben fällt es schwer, mit seiner Umwelt zurande zu kommen, doch er ist fest entschlossen, alles zu meistern; als Busschaffner hat er viel zu meistern, manchmal verliert er die Kontrolle, jeder Tag ein Kampf. (1994) Wie konnte das geschehen, ausgerechnet ihm? Ben hat seine Familie, sein Glück gefunden, die Dämonen sind gegangen. […]

Jo:
(1964) sie tritt in kleinen Klubs auf. Die Beatles und die Stones, das sind die musikalischen Gipfelstürmer der Zeit. Jo sieht ihre Zukunft auch in der Musik, aber auf einem anderen Weg. (1979) Sie ist in die USA gegangen, um dort eine Karriere zu beginnen. (1994). Ein Star wurde sie nicht, zurück in England unterrichtet sie an einer Schule Teenager in Musik.  […]

Ein Episoden-Roman

Es ist kein geschlossener Roman, sondern eine Aneinanderreihung von Episoden, deren Zusammenhang sich nur aus dem Ereignis damals im Wollwort ergibt und aus einer kurzen gemeinsamen Schulzeit. Das alles ist aber längst vergessen, die Lebensläufe führen in ganz unterschiedliche Richtungen (nur gelegentlich läuft man sich, zufällig, über den Weg).

Manches, was in diesen Episoden erzählt wird, ist zugleich eine Erzählung über die politischen oder kulturellen Verhältnisse des jeweiligen Landes, wie beispielsweise die Streikwellen der späten 1970er. Anderes erzählt von einem Augenblick, einer Wendung in einem ganz gewöhnlichen Menschenleben, wie es auch andere hätten erleben können.

Insgesamt wird für mich aus der Idee, die Biografien von Opfern des Krieges zu schreiben, die die Zukunft nicht mehr erleben konnten, zu wenig herausgeholt. Alles wirkt auf mich zusammenhanglos: sowohl was den Lebensweg dieser fünf betrifft, als auch die Zuordnung der Geschehnisse zu bestimmten Jahren. Überraschendes wird man nicht finden, es sind ganz und gar mögliche und gewöhnliche Lebensläufe, die Francis Spuffort erfindet, ohne wirkliche Höhen und Tiefen. Eine besondere Eigenart in diesem Buch ist, dass kurze Moment enorm ausgedehnt werden, Augenblicke werden zu mehreren Seiten und das leider oft in einer wirklich ermüdenden Art und Weise.

Das bringt mich am Ende zu der Frage, was denn tatsächlich die Motivation zu diesem Buch in seiner Gesamtheit war; mir jedenfalls bleibt sie verborgen (auch zwischen den allzu vielen Ausschmückungen und Abschweifungen).

Was bleibt, sind einige, sehr authentische und bewegende Erzählungen über Menschen, die niemals ihr Leben leben konnten; und es bleibt das Resümee, dass kein Leben vorhersehbar ist. Aus dieser Perspektive betrachtet, wurde „Ewiges Licht“ für mich dann ein abschnittsweise lesenswertes und berührendes Buch, voller Details, wie aus unser aller Leben gegriffen.

Um das zu erfahren, musste ich mich nach dem fulminanten ersten Kapitel aber immer wieder durch langatmige Absätze und Seiten arbeiten, weshalb die Freude am Buch ein wenig eingeschränkt wurde.




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