Orwell, George: Farm der Tiere

verfasst am 18.09.2010 von | 2 Kommentare
Rubriken: Erzählung, Orwell, George

George Orwell, der Chronist der totalitären Systeme, schrieb mit „Die Farm der Tiere“ ein Märchen über die schöne, heile Welt, in der alle gleich sind. Die Massen erheben sich, um die Unterdrückung durch wenige abzuschütteln, nur um sich bald darauf in einer neuen Form des Terrors und der Unfreiheit wieder zu finden.

Das Jahr 1943, in dem Orwell begann, seine Geschichte zu schreiben: ein Terrorregime wankt, ein anderes erstarkt und macht sich daran, die Welt zu erobern. Hitler und die Nazis sind werden bald Geschichte sein, doch nun schwillt im Osten eine neue Bedrohung an: Stalin und der Kommunismus, aus damaliger Sicht eine sehr konkrekte Gefahr für die Freiheit der Menschen und die Freiheit des Denkens.

Das ist der Hintergrund, vor dem Orwell die Geschichte der Tiere erzählt, die nicht länger den Menschen dienen, ihnen nicht mehr als Arbeitssklaven ausgeliefert sein, nicht mehr mit nur dem Nötigsten abgespeist werden wollen.

Die Vision eines Einzelnen wird zur Revolution aller. Wenige führen Sie an, alle unterstützen sie. Die Tiere befreien ihre Farm von den Menschen und wollen fortan ihr Leben selbst gestalten. Schon bald wird die heile Welt der Gleichheit und der gleichen Rechte für alle zu einer Welt, in der erneut nur Wenige bestimmen. Andersdenkende werden diffamiert, vertrieben und aus dem kollektiven Gedächtnis ausradiert. Zuerst langsam, dann immer schneller wird aus der Selbstbestimmung eine Diktatur, aus der Diktatur wird Terror, überstrahlt von einem widerwärtigen Personenkult und Wahrheiten ändern sich nach Gutdünken der Herrschenden.

Hier sind es Lenin, Stalin und Trotzki, die in Gestalt der intelligenten Schweine Major, Napoleon und Schneeball erscheinen, doch auch mit Namen wie  Mao, Kim Il-sung oder Ceaușescu käme man von gleichen Anfang zum gleichen Ende und mit Namen wie Hitler, Pinochet natürlich auch, auch wenn es da nicht Revolution hieß.

Wir alle kennen das Ergebnis der Revolutionen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Monarchien in Europa hinweg fegten und sich in den folgenden Jahrzehnten über die Welt ausbreiteten. Die Revolutionäre wurden allesamt zu Despoten. Viel zu lange blieben Sie an der Macht, einige wenige sind es noch immer. Nur hat sich das Geschehen von uns weg bewegt. Europa ist nicht länger von Diktatoren, seien es linke oder rechte (wo ist da jetzt eigentlich der Unterschied?), umklammert.

Orwells 1984 ist in Nordkorea Realität geblieben, die Farm der Tiere lebt weiter in Staaten wie China, Kuba und anderswo (Stichwort Venezuela) machen sich schon wieder neue Leittiere daran, die Schwachen zuerst bedenkenlos für ihre eigenen Interessen einzuspannen, Ihnen so wohltuende Worte wie Gemeinwohl, Gleichheit, Gerechtigkeit ins Ohr zu flüstern  und sie dann gnadenlos zu unterdrücken. Und immer gibt es viele, die den Despoten blind folgen, sich nur allzu gerne zu ihren Werkzeugen machen lassen.

Das macht die Farm der Tiere zu einem Märchen, das genau so lange aktuell bleiben wird, so lange es Diktaturen auf der Erde gibt. Aber das betrifft uns hier gar nicht mehr. Könnte man meinen! Denn totalitäre Tendenzen, wenn auch in bescheidenem Rahmen, gibt es überall, auf jedem Kontinent, in jedem Land. Es ist an uns immer wachsam bleiben, immer darauf achten, dass die Geschichte nicht mehr zurück gedreht werden kann.

Orwell schreibt in seinem Nachwort, das im Jahr 1972 erstmals erschien, von den Schwierigkeiten, dieses Buch zu veröffentlichen – und Großbritannien war damals der Hort der Demokratie in Europa. Doch auch in der Demokratie hatte die freie Rede hinter politischem Kalkül zurück zu stehen, galt das Bündnis mit Stalin mehr als das Schicksal der einzelnen Menschen unter seinem Regime. Und Orwell schreibt darüber, wie sich die freie Presse in einem freien Land willfährig  in die Interessen von Politik und Politikern einspannen ließ. Das drängt die Frage auf: was ist davon nur mehr Vergangenheit, was ist davon noch Gegenwart?

Meine Wertung für diese Erzählung: 5 von 5 Sternen – nicht unbedingt für die Geschichte selbst, aber auf jeden Fall für die mahnenden Gedanken und für ihre fortdauernde Aktualität, auch noch 65 Jahre nach ihrem Entstehen.


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 2 Kommentare


  • Kommentar von  Elke am 01.10.2010 um 18:17 Uhr Uhr

    Nachsatz:
    und nicht wundern: siehe österreichische Politik, da lassen sich ja bis ins heute Vergleiche anstellen. Wie sang Georg Danzer? „Traurig oba woahr…“

  • Kommentar von  Elke am 01.10.2010 um 18:15 Uhr Uhr

    Diese Buch ist ein ganz Wichtiges!
    Genial, und einfach zum nachdenken…

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