Pittler, Andreas: Chuzpe

verfasst am 29.04.2010 von | 3 Kommentare
Rubriken: Kriminalromane, Pittler, Andreas

Chuzpe kommt aus dem jiddischen und bedeutet die Frechheit zu besitzen, in einer eigentlich verlorenen Situation mit Frechheit noch etwas für sich herauszuschlagen. Und das scheint nicht nur beim Untergang des Habsburgerreiches für viele Positionsinhaber der Macht gegolten zu haben. (ein Blick in die Gegenwart und ich werde fündig!)

Der Erste Weltkrieg geht zu Ende. Major David Bronstein wird nach wie vor von Albträumen geplagt, als er an der Front knapp die brutale Giftgasattacke vor Tarnow Gorlice überlebt. Ihn plagen aber nicht nur die Albträume, sondern auch Ermittlungsarbeiten in einem mysteriösen Mordfall an einer jungen Frau.

Die Monarchie zerfällt, das Habsburgerreich zerbricht. Major Bronstein ist verunsichert. Er ist auf die Monarchie beeidigt, wie geht es mit ihm weiter, wenn der Kaiser abdankt? Wer ist dann sein Vorgesetzter? Der kaiserliche oder der republikanische Polizeichef? Neben dieser ganz persönlichen Frage beschäftigt ihn auch die gesellschaftliche Not. Die Armut, der Hunger und die eisige Kälte, weit und breit kein Heizmaterial.

Zu Beginn ist Bronstein noch skeptisch. Sollte die Monarchie tatsächlich zerfallen, dann würde dadurch die Bevölkerung auch nicht satt, bekäme auch keine Arbeit. Umso überraschter ist er über die Idee der Einführung eines Arbeitslosengeldes, Hanusch war ein Revolutionär.

Über einen Freund lernt David Bronstein Jelka kennen und verliebt sich in die feurig rothaarige Anhängerin der Kommunistischen Revolution. Er trifft auch auf Franz Werfel, der auf einer Demonstration unbeirrt „Nieder mit dem Habsburgerreich“ ruft.  Durch den Austausch mit  seinen neuen Freunden gerät seine Loyalität zur Monarchie ins Wanken.

Während die öffentliche Ordnung zerfällt, ermittelt er in einem Mordfall an einer jungen Frau. Aufgrund ihres Ausweises kommt er an Namen und Meldedaten und in weiterer Folge an den Namen ihres Arbeitgeber, Herrn Arthus Nemec, Inhaber einer Änderungsschneiderei und eines Wäschegeschäft. Außerdem beschäftigt ihn eine Anzeige der Mordkommission. Eine Ehefrau hat ihren Mann als vermisst gemeldet, sie befürchtet, dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen war. Als sich Bronstein in den Akt vertieft wird er wütend, handelt es sich doch um jenen Generalleutnant Wilhelm Spitzer, der 1915 die halbe Kolonie in den Tod geschickt und dadurch auch seine Albträume verursacht hat. Doch hier gelingt ihm persönlich ein guter Schachzug, die Angelegenheit angemessen zu verarbeiten!

Mit „Chuzpe“ legt Andreas Pittler wieder ein tolles Buch vor, in dem er die österreichische Geschichte mitreißend und spannend aufrollt. Die Ermittlungen sind in diesem Buch Nebensache, aber in Kombination mit seinem kritischen Blick auf die erste Hälfte des Novembers 1918 ein wirklich lesenswertes Buch!!



RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag 3 Kommentare


  • Kommentar von  Klinger C. am 09.06.2010 um 15:18 Uhr Uhr

    Liebe Angela!

    Wie recht du hast. Nur wie überzeugen wir unsere Bürokraten davon? Wahrscheinlich steht es im österr. Schulunterrichtsgesetz, dass Geschichteunterricht langweilig sein muss. Pittler liefert das, was alle unsere Gedächtnistrainer als die große Erkenntnis verkaufen: Daten und Fakten mit Geschichten oder Bildern zu verbinden. Genau auf diesem Gebiet liefert Pittler großartige Arbeit. Danke auch für dieses wunderbare Buch.

  • Kommentar von  Angela Eßer am 28.05.2010 um 15:39 Uhr Uhr

    Wenn eine Geschichtsstunde immer so spannend wäre wie jedes einzelne Buch der Kriminalsaga von Andreas Pittler, dann wäre bei so manchem Schüler/mancher Schülerin Geschichte das Lieblingsfach!Chapeau!

  • Kommentar von  Sündi am 18.05.2010 um 21:55 Uhr Uhr

    „Österreich büßte schrecklich für die Fehler seiner Politiker, aber das war ja nichts Neues.
    Irgendwie, so dachte Bronstein, war die Politik viel zu kompliziert, um sie den Politikern zu überlassen.
    Da waren Fachleute gefragt, die nicht irgendwelchen angeblichen Volksstimmungen nachgaben, sondern taten, was in einer bestimmten Situation erforderlich war.
    Politiker, zumindest jene, die er aus eigener Anschauung kannte, waren immer irgendwie Opportunisten, die nur rasch danach trachteten, ihre eigene Karriere zu befördern.
    Auf diese Weise war in Österreich seit den Zeiten des Grafen Taaffe stets nur fortgewurstelt worden.“ (S.176/177)

    Diese Gedanken von Major Bronstein, gedacht im Jahr 1918, haben, wenn man/frau die Entwicklungen in den letzten beinahe 100 Jahren betrachtet, nichts an Aktualität eingebüßt.
    Ausnahmen bestätigen natürlich auch in der Politik die Regel.

    Mit „Chuzpe“ legt Andreas Pittler einen weiteren historischen Kriminalroman auf bewährt hohem Niveau vor, eine Geschichtslektion der Extraklasse.

    Christian Klinger meinte in einem Kommentar zu Pittlers „Ezzes“, seine Bücher sollten Pflichtlektüre an der AHS sein – diese Meinung vertrete ich ebenfalls uneingeschränkt.

    Allein, dass wir uns in Österreich im Jahr 2010 noch inmitten einer Diskussion über das richtige Schulsystem befinden, zeigt die Richtigkeit der „prophetischen“ Gedanken Bronsteins.

    Allerdings mit einer wesentlichen Einschränkung: Die Schulpolitik der ÖVP bzw. ihrer legendären Ministerin Liesl Gehrer kann man nicht mit fortwursteln charakterisieren, sonders dies war reinste Blockade wider besseren Wissens, um die Interessen der eigenen Klientel zu zementieren.
    Damit sind die Bildungschancen einer gesamten Generation von SchülerInnen erheblich eingeschränkt worden und das wird dieses Land noch bitter zu bereuen haben.

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