Pittler, Andreas: Tacheles

verfasst am 17.08.2009 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Pittler, Andreas

Oberstleutnant Bronstein, bekennender Raucher der Marke „Donau“ und hedonistischer Kaffee- und Weingenießer, ermittelt in Wien 1934 zu Ende des Dollfuß-Regimes. Er soll den Mord an dem toten Fabrikanten Demand aufklären. Beide verbindet ihre jüdische Herkunft. Der Geschäftsmann Demand war zu Tode geprügelt worden. Es gibt viele Verdächtige.

Waren es die Braunen, die den Kommerzialrat aufgrund seiner Religion ermordeten? Die Braunen und die Deutschen bereiten, von langer Hand geplant, bereits die Okkupierung Österreichs vor. In einem Geflecht politischer Zusammenhänge beginnt sich mittlerweile der Judenhass und die Sündenbocktheorie in der Gesellschaft immer mehr durchzusetzen.

Oder war es Demands junge Ehefrau? Diese hat laut Hausmeisterin Eva, die übrigens kurz auch für Bronsteins Sexualleben zuständig ist, ein Verhältnis mit dem Sohn Demand Junior.

Es könnte allerdings auch der Sohn selbst gewesen sein. Dieser, für Bronsteins Geschmack ein absolut arroganter Typ, war mit den überholten Firmenführungskonzepten des Vaters unzufrieden. Junior will eine moderne und gewinnorientierte Betriebswirtschaft im Firmenimperium durchsetzen. Dabei war ihm anscheinend der althergebrachte Führungsstil seines Vaters im Wege.

Oder ist der Mörder etwa sein Prokurist, der äußerst unappetitliche und derbe Herr Holzer, der in Demand eine Drecksau sah, weil dieser nur die Mitarbeiter ausnutzte? Außerdem war auch Holzer auf Juden nicht gut zu sprechen.

Zusammen mit seinem Kollegen Cerny beginnt er den Fall zu entwirren.

Dabei ist Bronstein ständig mit seiner eigenen jüdischen Herkunft konfrontiert, diese nervt ihn anfangs ziemlich, sieht er sich doch als Protestant und ehrlichen österreichischen Beamten. Nicht nur aufgrund einer fast tödlichen Attacke gegen ihn – ein illegaler Brauner wollte ihn aus dem Weg schaffen – beginnt ihn die Geschichte und die Traditionen des eigenen Volkes zu interessieren. Dabei bekommt er auch Unterstützung und Einblicke durch den jüdischen Tuchhändler Herrn Duft.

Ein super Krimi, humorvoll und trotzdem ernst geschrieben, eingebettet in ein Stück jüngerer Zeitgeschichte, der Zwischenkriegszeit mit Schauplatz Wien. Die Handlung ist in der Endzeit des Dollfuß-Regimes angesiedelt, fesselnd verpackt in diesem Roman sind die gesellschaftlichen Veränderungen, der Idee des Anschlusses Österreichs an Deutschland.

Beim Lesen wurde ich mehrmals nachdenklich über die Beschreibung der historischen Entwicklung des Hasses und der Vertreibung von Minderheiten. Hervorzuheben ist auch die Sprache, humorvoll, direkt, manchmal fast ein wenig derb. Damit zeichnet der Autor aber überzeugend die Charaktere der Protagonisten.

Andreas Pittler, der Geschichte und Politikwissenschaften studierte, hat toll recherchiert und die Zeitgeschichte in einen spannenden Roman verpackt. Ich kann dieses Buch wirklich sehr empfehlen!



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