Marc-Uwe Kling: QualityLand 2.0
Kikis Geheimnis

verfasst am 08.11.2020 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kling, Marc-Uwe, Satire

Peter Arbeitsloser ist zurück! Unsere Abwesenheit seit dem ersten Buch hat er dazu benützt, sein nunmehr legales Reparaturservice zu führen. In seiner Werkstatt werden depressive Robo-Teddybären, Roboterhunde mit Bindungsstörungen oder Drohnen mit Höhenangst abgeliefert, um ganz geheilt zu ihren Besitzern zurückzukehren.

Die Frage nach einer Handlung im eigentlichen Sinn kann ich nicht wirklich mit „JA“´beantworten, eher passend wären „JEIN“ oder „EHER NICHT“.  Eventuell wäre das Wort „Collage“ die passende Bezeichnung dafür, wie dieses Buch aufgebaut ist. Diese Collagen sind rund um die Frage angeordnet, was denn nun wirklich mit dem Präsidenten John Of Us geschah, nachdem er in die Luft gesprengt wurde. Konnte er sich in den Cyberspace zurückziehen? Lebt er dort weiter?

Aber um eine Handlung geht es in Wahrheit auch gar nicht. Sondern es geht um das, was wir alle miteinander aus unserem HEUTE machen werden. Ob wir es zulassen, dass die Zivilisation mit starrem Blick auf Instagramer, Influencer und Demagogen in Richtung abwärts trudelt oder ob wir beginnen, mit eigenen Augen wieder aus den Fenstern zu schauen, um festzustellen, dass die Welt da draußen ist und nicht im Internet.

Das ganz Buch ist irrwitzig komisch (also: irr + witzig + komisch) und zugleich auch bitterernst (also: bitter + ernst). Denn hinter den meisten großartigen Gags verstecken sich die Wirklichkeiten unserer Jetzt-Zeit, in den coolen Dialogen erkennt man oft recht unzweideutig bissige Kommentare über das Leben im Jahr 2020 und überhaupt verbirgt der gesamte Text kaum seine Kritik an den Auswüchsen des Internets und der Digitalisierung.

„Ja, das Netz (gemeint ist das Internet, Red.) ist nicht der Samen des Schwachsinn“, sagt Lucia. „Es ist nur sein Gewächshaus“, sagt Aisha.

Dieser Dialog auf Seite 33 bringt unser ganzes Dilemma auf den Punkt. Verrückte Typen wie Donald Trump, Xavier Naidoo oder irgendwelche pseudoreligiösen Glaubenseiferer könnten ihren gesammelten geistigen Schrott ohne Internet gerade einmal ein paar Leuten am Wirtshaus-Stammtisch ums Eck erzählen, und nicht unsere gesamte Umwelt damit verpesten. Aber in der Welt wie sie eben ist, findet jeder Unsinn sicher seine willigen Empfänger und meistens nicht gerade wenige.

Dazu kommen in QualityLand noch ein paar „Erfindungen“, also Dinge und Tools, die es noch gar nicht gibt, die aber vielleicht gar nicht so weit davon entfernt sind, tatsächlich erfunden zu werden. Wenn von einem vollautomatischen, sich selbst schreibenden Tagebuch zu lesen ist (mit dem man gar nicht mehr selbst leben muss),  einer Witzeerfindungs-Maschine auf der Suche nach dem besten Witz aller Zeiten (den möchte ich jetzt nicht verraten, deshalb nur so viel: Es ist ein wirklicher Sickerwitz *), einer Eingangstüre mit perfekten Umgangsformen, einem automatischen 3. Weltkrieg … ist das dann prophetisch oder einfach nur reine Fantasie? Wir werden es erfahren, ob und wann wir von solchen Dingen umgeben sein werden :-)

Geben wir uns also der durchaus spannenden Frage hin, ob in naher Zukunft ein paar K.I.s und ein paar Multi-Hyper-Billionäre bestimmen, was passiert; einfach nur deshalb, weil wir nicht aufgepasst haben, als jemand fragte, wohin sich die Zivilisation entwickeln soll (weil wir gerade zu sehr mit Liken oder Selfies beschäftigt waren).

Marc-Uwe Kling macht aus einem möglichen Zukunftsszenario eine furiose Story, voller sprühender Ideen und geistreicher Gedanken. Es gibt in diesem Buch definitiv mehr zu entdecken, als man bei einem nur oberflächlichem Drüberlesen mitbekommen würde. Von Slapstick bis Satire, von dystopischem Ausblick bis zum Spiegel, der uns gegenwärtige und zurückliegende Irrwege vorhält. Alles ist drinnen in diesem QualityLand.

Also heißt es: Augen auf bei Fußnoten, Nebensätzen und Zitaten, um nur ja nichts zu übersehen – es wäre wirklich, wirklich schade drum!

Und ja, Klimakonferenzen gibt es immer noch, die Ziele und Worthülsen sind unverändert, aber das ist auch egal, weil Holland eh schon unter Wasser ist.

Lesenswert!
Aber: Nichts für Aluhutträger!

PS: Man kann dieses Buch auch ohne die Vorkenntnisse aus dem ersten QualityLand sehr gut lesen, denn viele Verweise verschaffen Überblick und viele Fußnoten gibt es auch (die sind aber eher für das Amüsement da). Aber es ist, im Sinne der Konsumation von gescheiter Unterhaltung, empfehlenswert, sich beide Bücher zu gönnen.

PPS: * „Der Mann zwei Pandas plitsch platsch dreizehn Sand Augen zu bumm“



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