Buchbesprechung/Rezension:

Andreas Winkelmann: Hast du Zeit?

Hast du Zeit?
verfasst am 26.06.2024 | einen Kommentar hinterlassen

Autorin/Autor: Winkelmann, Andreas
Genre: Thriller
Buchbesprechung verfasst von:
LiteraturBlog Bewertung:

Menschen verschwinden spurlos, wie lange schon, das kann niemand sagen. Wenn man zur Polizei geht, weil man sich verfolgt fühlt, dann hört man, dass erst etwas passieren müsste, bevor die Polizei aktiv wird.

Wenn man Hilfe sucht, weil jemand verschwunden ist, dann hört man, dass es ja möglich wäre, dass dieser Mensch einfach untertauchen wollte.

Erst als Michelle, die Tochter des ehemaligen Polizisten Lars Erik Grotheer ihren Vater bittet, ihrer Freundin Conny zu helfen, kommt die Sache ins Rollen. Conny ist eine von denen, die sich verfolgt fühlen, aber bisher vergeblich um Hilfe baten. Als Grotheer sich des Falles annimmt, ist es aber schon zu spät; am selben Abend wird Conny ermordet.

Weil es ein Mord ist und Connys Leichnam gefunden wird, kann zunächst niemand die Verbindung zu anderen Fällen herstellen. Jenen eben, bei denen die Verschwundenen nie wieder auftauchten.

Zur selben Zeit, nicht weit entfernt, wird eine junge Frau entführt und auch in diesem Fall kommt die Polizei nicht weiter. Wie Grotheer beim Mord an Conny, nimmt auch hier jemand die Sache in die Hand. Die Fotografin Lilly, die Lebensgefährtin der Entführten, entschließt sich, selbst zu suchen.

Dabei wäre es für die Polizei doch so einfach gewesen, diese Serie aufzuklären. Denn der pensionierte Polizist Grotheer, der zudem in seiner aktiven Zeit noch nie ein solches Verbrechen aufklären musste, findet die Spuren, die nacheinander zu einem großen und erschreckenden Ganzen führen: dem, in dem viele Menschen unter ganz ähnlichen Umständen verschwanden.

Grotheer und Lilly arbeiten sich lange Zeit von einem Hinweis zu nächsten vor, ohne voneinander zu wissen.

Alle Fälle haben zwei Dinge gemeinsam: zum einen ist das Letzte, was die ahnungslosen Menschen hören, bevor sie niedergeschlagen werden, der Satz „Hast du Zeit?“. Und dann gibt es eine zweite Gemeinsamkeit, auf die Grotheer erst mithilfe von Facebook & Co stößt.

Und zu seinem Entsetzen feststellt, dass auch er selbst davon weiß.

Ein Thriller, der in die Zeit passt

Was passiert, wenn wir unser Grundvertrauen in den Alltag, in unsere Umwelt verlieren. Wenn wir immer wieder hinter uns blicken, weil wir den Eindruck haben, dass es jemanden gibt, der uns folgt.

Wir leben in einer Zeit, in der die Welt zunehmend unsicherer wird und Andreas Winkelmann greift in diesem Thriller dieses für viele immer konkreter werdende Thema auf. Dort, wo man vor kurzem noch entspannt spazieren konnte, blicken sich die Menschen heute unsicher um, wenn in der Nähe ein ungewohntes Geräusch zu hören ist.

Rund um diese wachsende Unsicherheit konstruiert Winkelmann seinen Roman. Hier die Ängste der Menschen, dort die Untätigkeit oder das Unvermögen der Behörden, überall dort zu helfen, wo es nötig wäre. Da die greifbare Bedrohung, dort die Gesetzte, nach denen nichts unternommen werden kann, bevor nicht eine Straftat begangen wurde.

Damit schafft Winkelmann eine beklemmende Atmosphäre, in der man den ahnungslosen Menschen manchmal förmlich “Pass auf, geh nicht hin” zurufen möchte, weil man weiß oder sich vorstellen kann, was gleich geschehen wird.

Im Mittelpunkt stehen mit Grotheer und Lilly zwei Menschen, die sich nicht damit abfinden wollen, dass es keine Fortschritte bei den Ermittlungen gibt, dass die Polizei weiterhin nicht an eine Verbrechenserie glaubt oder einfach die Zusammenhänge nicht erkennen kann.

Hier ist auch ein Grund, warum mich der Thriller zwar wirklich gepackt hat, aber nicht restlos begeistert: dass bei Entführung und Mord seitens der Polizei so wenig unternommen wird und dass Grotheer und Lilly alles alleine herausfinden müssen, dass die Polizei immer hinterherläuft, ohne wirkliche Ergebnisse zu erzielen, das würde einem Realitätscheck darüber, wie es in solchen Situationen tatsächlich abläuft, wohl nicht standhalten.

Deshalb leichte Enthusiasmus-Abzüge.

Dem gegenüber: noch selten habe ich ein Buch mit 400 Seiten so schnell durchgelesen, denn es beiseitelegen oder eine Pause machen konnte ich nicht. Das heißt dann immer: Das Buch in der Hand lesend zur Kaffeemaschine gehen, lesend dort warten und lesend zurück zum Lesesessel.




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