Buchbesprechung/Rezension:

Constanze Scheib: Keine schöne Leich'
Die gnä’ Frau ermittelt (2)

verfasst am 03.10.2022 | einen Kommentar hinterlassen

AutorIn & Genre: Kriminalromane, Scheib, Constanze
Buchbesprechung verfasst von :
LiteraturBlog Bewertung:

Wien, im Sommer 1972. Nicht gar so heiß wie heutzutage, aber mangels großflächig vorhandener Klimaanlagen in den Autos ist zumindest das Reisen oft ungemütlicher jetzt. Heiß also wird es Helene „Leni“ Ehrenstein, als sie auf der Rückbank im Wagen ihrer Eltern zu einem Begräbnis mitfährt.

Dabei wollte sie doch gar nicht unter die Leute und überhaupt kennt sie den Verstorbenen sowieso nicht. Doch ihre Mutter akzeptiert keinen Widerspruch und damit ist es auch egal, dass Leni befürchten muss, von den anderen Anwesenden als vermeintliche Kommunistin schief angeschaut zu werden. Diesen Ruf hat sie nämlich, seit der Klatschreporter Otto Prenz für sein Skandalblatt eine Geschichte über Leni, die Gnä‘ Frau erfunden hat.

Zur atmosphärischen Einstimmung in die 1970er-Jahre trägt auch gleich der anschließende Leichenschmaus bei: Es werden „Spezialitäten“ wie „Pariser Schnitzel“ und „Russische Eier“ serviert, und anschließend wird an den Tischen heftig gepofelt.

Zur Einstimmung in den neuen Fall, den „Gnä‘ Frau“ zu lösen hilft, kommt es zu einem ungeplanten Treffen mit der Gräfin Bárány, der Witwe des Verstorbenen. Die Gräfin wird verdächtigt, und das nämliche Skandalblatt ist daran nicht unschuldig, ihren Ehemann dahin gemeuchelt zu haben. So finden die Damen also zueinander, die beiden Opfer des Boulevardblattes – Leidensgenossinnen: das verbindet!

Diese neue Bekanntschaft führt Leni von einer Villengegend in die andere, von Hietzing nach Döbling.  Wer die damaligen Verhältnisse kennt weiß, dass es diesbezüglich durchaus Standesdünkel in beide Richtungen gab und gesellschaftlicher Verkehr zwischen dem 13. in dem 19. Bezirk nicht alltäglich war.

Nostalgie pur

Vielen, vielen Dank an dieser Stelle an die Autorin, die mir beim Lesen das Lied „Auf an Gummigummiberg, sitzt a Gummigummizwerg“ (Heinrich Walcher, 1972) ins Ohr gesetzt hat; das werde ich lange nicht mehr los :-).

Es macht ganz sicher einen Unterschied, ob man die Zeit selbst miterlebt hat oder nur davon gehört hat. Wer dabei war, wird sich über die vielen Erinnerungen (also nicht nur dieses Lied) freuen, die dieser Krimi hervorholt. Wie es in Wien und so insgesamt bei uns in den 1970ern aussah, wie der Karlsplatz mehrere Etagen tief für die neue U-Bahn aufgegraben war, wie die Diskos in die Stadt kamen, die Vierteltelefone, die isometrischen Übungen mit Ilse Buck und auch an das Ohne-Pause-Kino am Graben kann ich mich gut erinnern … diese 70er-Nostalgie machte auch schon den Charme des ersten Romanes mit der Gnä‘ Frau aus.

Die Geschichte ist zunächst einmal eine über das Leben vor 50 Jahren und was die Menschen so trieben und wo. Amüsante Gespräche, witzige Szenen mit Leni und ihren Eltern, mit den Bekannten der Eltern und mit den Menschen, von denen Lenis Mutter meint, dass man sie kennen muss; s’warad wegen der gesellschaftlichen Reputation halt. Dazu das vertrauensvolle Verhältnis zwischen der Gnä‘ Frau und Marie, ihrem Dienstmädchen. Weniger vertrauensvoll und witzig hingegen ist es, wenn Leni und ihr Ehemann einmal ins Reden kommen – das mündet immer im Hinweis des Gemahls auf die unverrückbaren Rollen: Der Mann ist der Herr im Haus, die Gemahlin soll sich möglichst unauffällig verhalte – dieses alte Rollenklischee zieht sich als Thema, das zeigt, dass die 70er eben nur zum Teil in der Neuzeit angekommen waren, durch die ganze Geschichte.

Aber dann ist da noch das Gerücht, dass die Gräfin ihren Ehemann dahin gemeuchelt hätte. Leni kann nicht widerstehen und beginnt zu recherchieren, tatkräftig unterstützt von Marie. Hoffentlich geht das gut, denn bedrängte Mörder (und Mörderinnen) könnten gefährlich werden!

Weil lange nicht herauskommt, ob der Mann der Gräfin natürlich oder mit ungewollter „Hilfe“ von außen gestorben ist, glaubt man schon fast, dass da wirklich nichts war. Aber eben nur fast …

Manche Szenen sind mehr Satire als Krimi, wenn einige allzu typische Wienerinnen und Wiener ihren Auftritt haben – man ist also auch immer bestens unterhalten. Überhaupt: Wie gut es Constanze Scheib gelingt, die Erinnerungen an damals aufleben zu lassen, ist bemerkenswert – denn im Jahr 1972 war sie selbst noch nicht einmal geboren.

Auf jeden Fall: Helene „Leni“ Ehrenstein, die Gnä‘ Frau, ist auf einem guten Weg, die Wiener Miss Marple zu werden.




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