Buchbesprechung/Rezension:

Petros Markaris: Verschwörung
Ein Fall für Kostas Charitos (14)


verfasst am 05.08.2022 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Kriminalromane, Markaris, Petros

Griechenland ist im Lockdown und die Nerven aller sind bis zum Zerreißen gespannt. Diese Situation, in der immer mehr Menschen von Zukunftsängsten und Einsamkeit heimgesucht werden, ist auch uns nicht fremd, so kann man sich lebhaft vorstellen, was vorgeht.

Es ist dies zwar schon der 14. Roman der Kostas Charitos-Reihe, aber der erste, den ich lese. Was mir sofort auffällt, das ist der kühle und reduzierte Stil, in dem Petros Markaris schreibt, darin ist kein Platz für Abschweifungen oder lange Sätze. Das vermittelt von Anfang ein Bild der Lage, in der sich Polizei und Behörden befinden. In einer Zeit, in der noch niemand so genau weiß, wie mit der Pandemie umzugehen ist, scheint eine Bewegung entstanden zu sein, die nicht greifbar ist. Es geschieht nichts, das gegen das Gesetz oder gegen die gültigen Regeln ist, doch etwas ist da, das Menschen bei ihrem Selbstmord begleitet – in welcher Form auch immer.

Der Selbstmord eines alten Mannes ist der Auslöser für Protestaktionen. Der Mann hinterließ einen Abschiedsbrief, in dem er die Ausweglosigkeit seines Lebens in der Pandemie und vor allem die Passivität der Menschen beklagt. Dieser Brief findet den Weg in die sozialen Medien und sorgt dort für gehöriges Aufsehen. Seltsam daran ist aber, dass niemand den Abschiedsbrief des Mannes weitergegeben oder gepostet haben will. Woher also stammt dieses Posting, wer kennt den Brief sonst noch?

Nicht lange und bei einem weiteren Selbstmord, wieder ist es ein alter Mann, wird ein Abschiedsbrief gefunden, der mit genau dem gleichen Satz endet wie der erste: ‚Es lebe die Bewegung der Selbstmörder‚. Dieser Brief wird von der Polizei zwar sofort konfisziert, aber dennoch taucht bald eine Kopie davon im Internet auf.

Die Handlung ist für einen Krimi gleich in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Zunächst einmal befasst sich die „Verschwörung“ mit dem Thema Pandemie-Bekämpfung, das uns seit nunmehr mehr als zwei Jahren beschäftigt. Wie soll man mit einer Gefahr umgehen, die alle bedroht und deren Gegenmaßnahmen für viele eine noch fast dramatischere Einschränkung mit sich bringen? Wie soll man denjenigen begegnen, die aus einer solchen Notsituation ideologischen Nutzen ziehen wollen und zunehmend gewalttätiger werden?

Zudem findet überhaupt kein Verbrechen statt, die die Opfer haben ihrem Leben – allen Erkenntnissen nach – freiwillig und selbst ein Ende gesetzt.

Es ist eine Bestandsaufnahme von Gesellschaft und Politik im Griechenland der 2020er-Jahre, die in diesem Roman im Vordergrund stehen. Einiges davon lässt sich auch mit den Ereignissen bei uns vergleichen, einiges davon ist sehr Griechenland-spezifisch, vor allem was die politische Lage und Geschichte des Landes betrifft.

Die Selbstmordserie ist nur der Auftakt zu dem, womit die Polizei wenig später konfrontiert ist: der Gewaltbereitschaft von Verschwörungstheoretikern und Coronaleugnern. Die Lage eskaliert, als es einen Mordanschlag auf einen Impfstofftransport gibt.

Vieles von dem, was im Buch zu lesen ist, klingt in ganz unerfreulicher Weise vertraut; weil es eben in Erinnerung ruft, wie sehr einige Wenige jede beliebige Notlage für die Verbreitung ihrer eigenen Agenda ausnützen und wie die militanten Coronaleugner und Impfgegner auf Demos agieren. 

Jedoch ist mir die Art, wie Markaris dies beschreibt oftmals zu übertrieben, zu plakativ und konstruiert. Kriminaldirektor Kostas Charitos hetzt mehr oder weniger unablässig von einem Ministertermin zu nächsten, zwischendurch an einen Tatort, dann wieder zu seiner Familie. Erkenntnisse aus den Ermittlungen treffen ein, wobei dies alles sehr zufällig wirkt, das Gefühl für richtige Detektivarbeit kommt bei mir nur sehr selten auf – überhaupt habe ich kaum das Gefühl, einen Krimi zu lesen.

Immer deutlicher wird klar, dass Markarios einen Roman über die Befindlichkeiten während der Pandemie geschrieben hat. Das meistens von dem, was hier zu lesen ist, kennen wir aus den Nachrichten.

Und dann stelle ich fest, dass genau darin die sehr unerfreuliche Wahrheit begründet ist (obwohl ich natürlich nicht weiß, ob der Autor das auch im Sinn hatte): aus dem, was leider schon zur täglichen Normalität geworden ist, wächst dann und wann – zu oft – Gewalt. Weil wir den Anfang einer solchen Entwicklung nicht erkennen, weil wir durch das Dauerfeuer der Populisten und Aufwiegler schon abgestumpft sind, schaffen wir es viel zu selten solche ideologische motivierten Gewaltausbrüche, die aus der Mitte unserer Gesellschaft zu kommen scheinen, zu verhindern.

Als Kriminalroman, in dem mir viele Erkenntnisse zu einfach gewonnen werden, überzeugt mich „Verschwörung“ nicht so sehr, als Zeitdokument bietet der Roman aber einigen Stoff zum Nachdenken und dazu, über unser aller Alltag zu reflektieren.




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