Buchbesprechung/Rezension:

Jonathan Coe: Mr. Wilder und ich


verfasst am 10.08.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Coe, Jonathan, Romane
LiteraturBlog Bewertung:

Es ist in London, das Jahr ist 2013 und Calista steht mit ihren 57 Lebensjahren an einem Punkt im Leben, an dem das bisher scheinbar so Unumstößliche beginnt, vergänglich zu werden.

Eine ihrer Töchter, Ariane, reist zum Studium nach Sydney in Australien, die andere, Fran, muss in Bezug auf eine ungewollte Schwangerschaft eine Entscheidung treffen und ihr eigener Lebensinhalt, ihre Begabung und Arbeit sind nicht mehr fragt. Dabei ist diese Begabung doch immer etwas gewesen, was aus den Filmen nicht wegzudenken war: richtige Filmmusik und nicht nur Geräusche machen – aber dafür gibt es immer weniger Interesse.

Beim Abschied von Ariane am Flughafen Heathrow, als Calista es nicht mehr schafft, ihren Abschiedsschmerz vor ihrer Tochter zu verbergen, wird sie an ihre eigene Abreise erinnert und daran, wie sie sich von ihrer eigenen Mutter an einem anderen Flughafen – es war in Athen – verabschiedete, um alleine in die USA zu fliegen. Damals im Jahr 1976, war das nicht eine ganz ähnliche Situation wie heute? Damals, als sie voller Vorfreude auf das kommende Abenteuer selbst gar nicht darauf achtete, wie es ihrer Mutter beim Abschied erging.

Die Begegnung mit einer Legende

Spätestens jetzt wird man von der Erzählung gefangen sein, neugierig und gespannt, wie es war, als Calista zum ersten Mal mit Billy Wilder zusammentraf. In diesem typisch amerikanisch-überladenen Restaurant mit dem Namen „Bistro“ in Los Angeles. Dabei war es doch nur dem Zufall zu verdanken, dass dieses Begegnung überhaupt stattfinden konnte. Zudem kannte die junge Calista den berühmten Regisseur davor nicht einmal dem Namen nach, ebenso wenig wie seine Filmerfolge.

Eine Begegnung, die zu einer Zeit stattfindet, als sich Hollywood gerade neu erfindet und die alte Garde darum kämpfen muss, neue Projekte umsetzen zu können. Vier Oscars hat Wilder bereits gewonnen, doch langsam stehen andere im Rampenlicht: Steven Spielberg und „Der Weiße Hai“, Martin Scorsese und „Der Pate“  – das sind die Filme der Stunde. Billy Wilder, der gefeierte Regisseur der letzten Jahrzehnte sollte in den nächsten 25 Jahren hingegen nur mehr zwei große Filme drehen und selbst dazu musste er jahrelang bei den Studios Klinken putzen.

Am Tisch im „Bistro“ dreht sich das Gespräch um eben diese Veränderungen und auch um Fedora, das Filmprojekt, für das Wilder gerade gemeinsam mit seinem langjährigen Freund und Co-Autor I. A. L. Diamond am Drehbuch arbeitet. Auch wenn sie nie damit rechnen würde: die junge Calista, gerade einmal 20 Jahre alt, hinterlässt bei den beiden mehr Eindruck, als sie zunächst denkt. Ein paar Monate später wird sie als Dolmetscherin zu den Dreharbeiten von „Fedora“ engagiert, die auf einer griechischen Insel geplant sind. Und wieder wird mehr daraus, Calista ist zieht mit der Filmcrew weiter nach München und dort kommt auch das ins Spiel, was viele Jahre später ihr Metier werden wird: Musik zu schreiben – Filmmusik.

Erinnerungen

Von München nach Paris und später London, das sind auch die Stationen von Billy Wilders Flucht aus Nazideutschland im Jahr 1933. Die Drehorte zum Film sind damit zugleich auch eine Reise zurück in den eigenen Lebenserinnerungen Wilders und zu den Plätzen der Erinnerungen an ihn – den eigentlichen Themen dieses Romanes.

Was folgt, ist alles: von brüllend komisch bis bedrückend tragisch. Wilders Leben, so wie die Drehbücher, die er schrieb und die Filme, die er machte. Wenn dabei das Spektrum seines Schaffens von „Some like it hot“ bis beispielsweise „Stalag 17“ reicht, dann spiegeln sich dabei auch die so unterschiedlichen Aspekte von Wilders Charakter und seiner Erfahrungen wider.

In einem großartigen Kapitel verpackt Jonathan Coe Wilders Erfahrungen mit dem beginnenden Naziterror, seine Flucht über Paris und London in die USA bis zu seiner Rückkehr nach Europa im Auftrag der US-Armee in ein Drehbuch im Buch. Regieanweisungen, Drehorte, Dialoge, ein Erzähler – wie in einem Film, der im Zeitraffer eine ganze Geschichtsepoche umfasst. Realer Hintergrund dazu ist die Arbeit am Dokumentarfilm „Die Todesmühlen“ über die Konzentrationslager. Welch eine Herausforderung es für Wilder gewesen sein muss, dorthin zurückzukehren, wo seine Familie, seine Freunde, Millionen anderer Menschen Opfer des Nationalsozialismus wurden und sich die Bilder und Folgen dessen anzusehen, was in Europa geschah, während er selbst in den USA in Sicherheit war.

Auch wenn es eine fiktionale Biografie ist, so richtet sie sich an den Stationen von Billy Wilders Leben aus (und ist mit einigen Originalzitaten vervollständigt). Mag er auch mit anderen Menschen zusammengetroffen sein, andere Gespräche geführt haben, andere Orte besucht haben, so ist alles zusammen doch ein bemerkenswert greifbares Porträt eines Großen der Filmwelt.

Nach Middle England schrieb Jonathan Coe erneut einen Roman, der ihn als großartigen Erzähler ausweist, einen, der Momente festhalten kann und sie bei seinen Leserinnen und Lesern nachhallen lässt.

Ein Buch, das ich sehr lautstark empfehlen möchte und das für mich ein absolutes MUSS im Literaturherbst 2021 ist.




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