Buchbesprechung/Rezension:

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille


verfasst am 05.01.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Crane, Stephen, Historischer Roman
LiteraturBlog Bewertung:

Aus der Zeit, als die Bilder laufen lernten, kennen wir die Aufnahmen, auf denen lachende junge Männer in den Krieg ziehen, voller Begeisterung. Und die Begeisterung der Menschen, die die Straßenränder jubelnd säumen ist ebenso überschwänglich.

Dieselbe Technik, die uns diese Bilder brachte, brachte den daheim gebliebenen dann auch das Grauen greifbar zurück in die Häuser. So zeigen alte Filmaufnahmen und Fotografien beides: Menschen, die sich enthusiastisch in die Schlachten stürzen und dieselben Menschen, die wenig später tot oder verstümmelt zurückgebracht wurden.

Aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg sind solche frühen Bilddokumente überliefert. Wie aus solchen einem dieser vergilbten Schwarz/weiß Bilder entnommen, erscheint Henry Fleming, der (fiktive) junge Mann, der in den Krieg zog, weil er es als ehrenvolle Pflicht ansah.

Den Bürgerkrieg erlebte Stephen Crane (1871-1900) selbst nicht mit, er wurde erst 5 Jahre nach dessen Ende geboren; er kämpfte selbst in keinem Krieg, war aber unter anderem Kriegsberichterstatter. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb schrieb er mit „The Red Badge of Courage“ einen allzeit gültigen Roman über den Krieg und über diejenigen, die wir aus den Nachrichten nie beim Namen kennen, sondern immer nur als den Teil einer Kriegsstatistik. Private Henry Fleming nicht nur einer von soundso viel Soldaten, die in die Schlacht zogen, nicht nur einer von soundso viel, die verwundet wurden, getötet wurden oder überlebten; bei Stephen Crane wird aus diesem einen Soldaten jener, der allen, die noch nie in einem Krieg kämpfen mussten, beschreibt, wie es ist, mitten in einer Schlacht zu sein.

Dieser Henry Fleming berichtet über den Krieg, direkt von dort, wo die Toten liegen, wo die Hitze der Schlacht und der Lärm unerträglich sind, heraus aus dem Pulverdampf und von Angesicht zu Angesicht mit den Männern auf der anderen Seite der Front zu stehen. Es ist der Bericht über eine Schlacht im Sezessionskrieg; es könnte aber auch eine im 30-jährigen Krieg gewesen sein, im alten Griechenland, in der Normandie, in Stalingrad oder in Afghanistan. Die Waffen mögen sich geändert haben, im Laufe der Jahrtausende sah man immer weniger vom Feind, weil die Waffen von immer weiter her töten, aber die Erfahrungen der Einzelnen werden wohl zu allen Zeiten ähnlich sein.

Für Henry Fleming sind es zunächst die Phasen der unbändigen Furcht, die alles überdeckt, dann die Euphorie, in der er sich wie abgehoben über das Schlachtfeld bewegt und gleichsam durch einen Tunnel das Gewehrfeuer von der anderen Seite sieht, hört, riecht, selbst aber unverletzlich erscheint. Er verflucht die Offiziere, die junge Männer wie ihn einfach über das Schlachtfeld verschieben, aber gar nicht wissen, wie es sich da vorne an der Front anfühlt. Fleming ist nur ein Teil der Truppen, die von, wie er es sieht, unfähigen Führern sinnlos in den Tod geschickt werden. Diesen Tod sieht er überall um sich herum, die leblosen Körper von Freunden und Unbekannten, von Gegnern und Kameraden bedecken das Schlachtfeld.

Als er bei einer Gelegenheit das Schlachtfeld von einer entfernten Position überblickt, muss er aber auch seine Ansicht über die Offiziere revidieren; es ist ein gänzlich anderer Blick, wenn man mitten im Pulverdampf steht oder wenn man von der Kuppe eines Hügels die Regimenter nur als Teiles des Schlacht-Puzzles wahrnimmt.

Es ist kaum vorstellbar, dass man den Krieg direkter, konkreter und nachwirkender beschreiben könnte, als Crane es in diesem Roman tat. Das Hin- und Her der Schlacht, das überwältigende Gefühl eines scheinbaren Sieges und überlebt zuhaben, Minuten später gefolgt vom Gefühl des Entsetzens, wenn man den Feind erneut anrücken hört und sieht.

Zunächst bleibt unklar, um welche Schlacht es sich handelt. Erst später ist zu erfahren, dass es sich hierbei um Henry Flemings „Erinnerungen“ an die Schlacht bei Chancellorsville am Rappahannock River handelt. Der von Stephen Crane erdachte Fleming war ein Soldat der Unionstruppen des Nordens, die bei dieser Schlacht vom 1. bis 4. Mai 1863 eine schwere und verlustreiche Niederlage erlitten; wäre er ein Soldat der Konföderierten gewesen, wären seine Erinnerungen aber nicht anders gewesen.

Stephen Crane gehört bei uns nicht zu den bekannten US-Schriftstellern des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ein Grund dafür mag auch sein, dass er nur 28 Jahre alt wurde. In den USA hingegen gehört die „Die rote Tapferkeitsmedaille“ zu den Standardwerken der US-Literatur.

Die sehr umfangreiche Biografie Cranes, die in diesem Buch hinzugefügt ist, ist daher umso interessanter zu lesen und beschreibt einen Mann, der trotz seiner wenigen Lebensjahre ungemein produktiv war und es zu seinen Lebzeiten zu Berühmtheit brachte. Es wird sich auszahlen, weiteres von Stephen Crane zu lesen.




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