Buchbesprechung/Rezension:

Deon Meyer: Todsünde
Ein Bennie-Griessel-Thriller (8)


verfasst am 22.08.2021 von | einen Kommentar hinterlassen
Rubriken: Meyer, Deon, Thriller
LiteraturBlog Bewertung:

Das erste Kapitel wie ein Action-Thriller im Kino: Bennie Griessel und Vaughn Cupido gemeinsam mit dem Spezialkommando mitten in einer regelrechten Straßenschlacht mit einer Bande, die schon seit langem Geldtransporter überfällt. Die Gangster sind bestens ausgerüstet mit Sturmgewehren, hören anscheinend den Polizeifunk mit und sind immer einen Schritt voraus. Doch am Ende schaffen es die Polizisten, alle auszuschalten. Es ist eine Aktion, die noch Nachwirkungen haben wird …

Griessel und Cupido werden ein paar Monate später wegen eines länger zurückliegenden Falles, bei dem sie nicht nach den Vorschriften ermittelt haben, strafversetzt. Für einige Monate sind die beiden in Stellenbosch, einer beschaulichen Universitätsstadt, in der normalerweise nicht allzu viele schwere Verbrechen geschehen, stationiert. So scheint es auch wie eine ganz normale Routinearbeit, als eine verzweifelte Mutter das Verschwinden ihres Sohnes meldet. Der ist seit ein paar Tagen nicht mehr im Studentenheim aufgetaucht und auch über das Telefon nicht erreichbar.

Während Griessel und Cupido zu Beginn etwas widerwillig den Fall übernehmen, geht in Stellenbosch das Leben seinen gewohnten Gang.

Ein wenig aus dem normalen Alltag hebt sich dabei der Anruf des berüchtigten Millionärs Jasper Boonstra ab. Er kontaktiert die Immobilienmaklerin Sandra Steenberg, um ihr den höchst vertraulichen Verkauf eines Weingutes anzuvertrauen. Vertraulich deshalb, weil gegen Boonstra gerade wegen gigantischer Betrügereien ermittelt wird und niemand, wirklich niemand davon wissen darf, dass er über viele Ecken der Besitzer des Weingutes ist – es geht um dutzende Millionen, die vor den Behörden und seiner Noch-Ehefrau verborgen bleiben sollen.

Während es also in Stellenbosch recht unaufgeregt zuzugehen scheint, haben Griessel und Cupido noch eine ganz andere Angelegenheit mitgebracht. Kurz vor ihrer Versetzung hatte sie ein Kollege diskret kontaktiert, weil er etwas über einen korrupten Polizisten wüsste. Zu einem geplanten Treffen kam es aber nicht, weil der Informant kurz davor erschossen wurde. Ein zufälliges Opfer eines Bandenkriegs oder doch ein gezielter Anschlag? Weil das, was Griessel und Cupido bis dahin schon wissen, höchst verdächtig erscheint, beschlossen die beiden, von Stellenbosch aus weiter zu ermitteln. Doch wem kann man trauen?

Nach dem actionreichen Beginn nimmt Deon Meyer beinahe das ganze Tempo aus der Handlung. Man könnte es schon beinahe als bedächtig bezeichnen (jedenfalls für Deon Meyer-Verhältnisse), wie sich das Geschehen weiter entwickelt. Ganz wie man es eben von dem kleinen, beschaulichen Städtchen erwarten würde, in das Griessel und Cupido versetzt wurden. Die Fälle und Ereignisse entwickeln sich beständig, langsam und voneinander unabhängig weiter.

Es bleibt in diesem Roman viel Raum, um ein wenig über das Privatleben der Cops zu erfahren, wie Bennie und seine geliebte Alexa vor der Hochzeit stehen, wie Vaughn aus Angst seiner Freundin nicht mehr zu genügen, etwas gegen sein zunehmendes Gewichtsproblem unternehmen möchte. Das werden beinahe richtige Home-Stories und man befindet sich über viele Kapitel hinweg in so etwas wie einen Wohlfühl-Krimi versetzt.

Deon Meyer wechselt häufig das Tempo seiner Erzählung; rasant, wenn sich ein Wendepunkt oder ein neuer Aspekt in den Ermittlungen abzeichnet, bedächtig, wenn in der Zeit dazwischen nichts als Routinearbeit angesagt ist, um Schritt für Schritt weiter zu ermitteln. Wie man es selbst kennt, weil ja unsere Tage auch nicht immer im selben Tempo ablaufen. Damit ist „Todsünde“ noch näher Alltag, noch näher am ganz normalen Leben, als Meyers bisherige Romane.

Zudem setzt Meyer mit diesem Roman ein Ausrufezeichen in Richtung der alles umfassenden Korruption in seiner Heimat Südafrika. Denn wenn schon der Präsident des Landes  jahrelang ungestraft sich und seine Freunde bereichern darf, wie soll man dann einen Polizisten, einen Unternehmer, irgendjemanden im Land wegen Betrügereien, Korruption oder Unterschlagungen verfolgen? Gehört das dann nicht alles zum ganz normalen Leben im Land?

Das ist der Hintergrund für gleich mehrere Handlungsstränge in „Todsünde“ und dazu stellt sich deshalb für die beteiligten Polizistinnen und Polizisten die Frage, warum man unter diesen Umständen man überhaupt auf der Seite des Gesetzes arbeitet, wenn man auf so viele der Gesetzesbrecher keinen Zugriff bekommt.

Meyer nimmt in seinen Romanen immer Bezug auf die tatsächlichen Zustände in Südafrika. Man erfährt also auch etwas darüber, wie das Land im Inneren aussieht. Das ist mehr und vor allem mit mehr Hintergrundwissen beschrieben, als wir es hier in Europa normalerweise erfahren – Südafrika ist eben sehr weit weg.

Der Blick ins Innere des Landes und die Spannung, die sich aus der Frage ergibt, wie alle diese einzelnen Ereignisse miteinander zusammenhängen: „Todsünde“ ist ein Roman, der ruhiger ist, als man es von Deon Meyer gewohnt ist (ruhiger bedeutet aber nicht, dass man deshalb weniger gefesselt ist), dabei zugleich aber nichts von dem verliert, was man von Meyer immer erwarten kann.

Ein großartiger Roman/Krimi/Thriller mit geschickt aufgebauter Handlung, mit viel Atmosphäre und mit tiefen Einblicken in das Südafrika von heute.

… und das Ende ist dann wie ein Anfang …




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